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Debatte zur Digitalisierung:Viele Nutzer, wenig politische Interaktion

Keine Frage, Twitter und Facebook sind heute Massenmedien. Facebook zählte im Juni knapp 26 Millionen aktive Nutzer in Deutschland. Zur Wahl 2009 waren es noch deutlich unter fünf Millionen. Auf Twitter steigt die Zahl der aktiven Nutzer ebenfalls rasant. Im November 2012 zählten die Webevangelisten 825.000 aktive Nutzerkonten. In diesem Jahr dürfte die Millionen-Marke durchbrochen werden.

Beeindruckende Zahlen. An politischer Interaktion aber beteiligen sich offenbar nur die allerwenigsten. Und zwar nicht einmal jene, die in Deutschland Mitglieder von politischen Parteien sind. Das sind etwas mehr als 1,3 Millionen Menschen. Hätten die alle am Wahlabend getwittert und gefacebookt, da wäre ganz schön was los gewesen.

Für die meisten Menschen ist das Internet nach wie vor kaum mehr als eine interessante Spielwiese, auf der sie das Leben von Justin Biber (45 Millionen Follower) mehr interessiert als das von Peer Steinbrück (60.000 Follower). Politik bleibt außen vor. Schon am Tag nach der Bundestagswahl waren die meistgesuchten Begriff auf Google: DFB-Pokal, Paul Kuhn und Surface 2.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn die Menschen andere Interessen haben als Politik ist das völlig in Ordnung. Das ist in der Offline-Welt auch nicht anders als in der Online-Welt. Jeder Politik-Redakteur einer Zeitung weiß, dass in seinem Blatt der Sportteil und das Vermischte die meist frequentierten Seiten sind.

Aber nach der Wahl muss Bilanz der politischen Kommunikation im Netz gezogen werden. Und das Ergebnis ist ernüchternd. Einen Hype hat es nicht gegeben. Schon gar nicht war das Internet für irgendwen wahlentscheidend. Aufregungen wie die um den Stinkfinger von Peer Steinbrück, die Pädophilen-Debatte der Grünen oder die Euro-Hawk-Affäre verbreiten sich zwar schneller. Aber zunächst nur unter den wirklich absolut Interessierten. Also unter Journalisten, Politikern, Wissenschaftlern, im weitesten Sinne unter den politischen Profis im Land.

Digitalisierung? Vor allem: ein Prozess

Richtige Wucht bekommen solche Meldungen nach wie vor nur, wenn sie in der Tagesschau laufen. Oder JauchIllnerWillMaischbergerPlasberg sich darum kümmern. Die #aufschrei-Debatte Ende Januar ist dafür ein gutes Beispiel. Innerhalb von wenigen Tagen tauchte dieser Hashtag in knapp 60.000 Tweets auf, in denen Menschen ihre Erlebnisse mit Alltags-Sexismus schilderten. Zu bundesweiter Bekanntheit brachte es das Phänomen jedoch erst, als in Zeitungen, Fernsehen und Radio darüber berichtet wurde.

Das muss nicht so bleiben. Auch wenn zum Beispiel Facebook die Grenzen seines Wachstums sicher langsam erreicht hat, die Mediennutzung verändert sich weiter. Der politische Journalismus und die politische Kommunikation werden schon allein deswegen digitaler und damit interaktiver werden müssen, weil Papier immer weniger rezipiert wird. Fernsehen wird auch zunehmend nicht linear sondern "on Demand" stattfinden.

Aber machen wir uns nichts vor. Die viel gepriesene Demokratisierung durch das Netz, weil jetzt alle mitreden können, weil die Informationskanäle jetzt in beide Richtungen offen sind, weil Bürger und Politiker jetzt ohne Mittler jederzeit in direkten Kontakt treten können, diese Demokratisierung ist ein wunderbarer Prozess. Aber er wird auf längere Zeit noch ein Prozess sein, an dem vor allem die politischen Eliten teilnehmen.

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