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Debatte um Grass-Gedicht:"Ich fürchte mich vor der israelischen und der iranischen Regierung"

In der Debatte um das Gedicht von Günter Grass lassen wir junge Israelis zu Wort kommen. Die finden: Auch Deutsche haben das Recht, sich über die Politik ihres Heimatlandes aufzuregen.

Antonie Rietzschel

Im SZ-Gespräch fragten wir, wie sie die Debatte in Israel wahrnehmen und was sie von der Grassschen Kritik halten.

Danielle Blumenstyk, 26, Peace-Now

"Als die Regierung Günter Grass zur Persona non grata erklärte, fand ich das einfach nur dämlich. Ich bin in den Medien auf die Debatte gestoßen. Es hieß, das Gedicht sei antisemitisch. Ich wollte mir selber ein Bild machen und habe im Internet eine englische Version gefunden. Also, antisemitisch finde ich es nicht. Aber die Ansichten, die Grass in seinem Gedicht äußert, sind meiner Meinung nach völlig unrealistisch.

Dass Israel über Atomwaffen verfügt soll eines der größten Probleme in der Welt sein? Sicher nicht.

Israel tut sich aufgrund der gemeinsamen Geschichte grundsätzlich schwer mit Kritik aus Deutschland. Dabei sollte es meiner Meinung nach für jeden möglich sein, unser Land zu kritisieren. Die Frage ist, wie diese Kritik geäußert wird. Abgesehen davon habe ich keinen besonderen künstlerischen Wert beim Lesen entdecken können."

Gilad Kenan, 26, Student

"In den Medien war eigentlich nie von dem Gedicht selbst die Rede. Es ging nur ständig darum, dass ein ehemaliger SS-Mann Israel kritisiert. Auch wenn ich unter anderem Deutsch studiere, habe ich vorher noch nie was von Günter Grass gelesen. Ich habe mich mittlerweise ein bisschen über ihn informiert. Er scheint ein sehr moralischer und politischer Mensch zu sein. Dabei ist er durchaus darauf bedacht, ausgewogen in seiner Kritik zu sein. Das trifft auch auf sein Gedicht zu.

Grass hält meiner Meinung nach sehr gut die Balance zwischen der historischen Verantwortung und seiner Kritik. Für mich als Jude, der auch deutsche Wurzeln hat, ist das positiv.

Mir hat das Gedicht selbst keine neuen Denkanstöße gegeben. Ich bin gegen Nuklearwaffen und finde es nicht gut, dass Deutschland uns bei der Bewaffnung unterstützt. Damit ist die Kritik von Grass durchaus legitim. Die Reaktionen von Israel zeigen, dass man bei uns kritische Diskussionen von vornherein scheut. Alle sollen zusammenhalten. Das ist bei uns so drin. Auch in mir, aber ich versuche dennoch, Kritik zuzulassen."

Gadi Kenny, Friedensaktivist

"In den 70er oder 80er Jahren war Günter Grass in Israel ein sehr populärer Schriftsteller, wenn ich danach gehe, wir oft ich seine Bücher bei Freunden gesehen habe. Besonders für meine Generation ist Grass also durchaus ein Begriff. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es jetzt in Israel eine so große Diskussion darüber gibt. Ich habe viele Ansichten über ihn in der Tageszeitung Haaretz gelesen, wo er bis heute in Artikeln besprochen wird.

Ansichten, wie Grass sie äußert, sind mittlerweile weit verbreitet. Das liegt wohl daran, dass die Situation in Israel immer problematischer geworden ist und die israelische Regierung sowie die Bevölkerung meiner Meinung nach immer nervöser, ungeduldiger und gewalttätiger wird. Die Israelis sind Bedrohungen von allen Seiten ausgesetzt, von mehr Seiten, als ich jetzt aufzählen kann. Nicht einmal die Anzahl der Toten kann einem Außenseiter klar machen, wie tief Israel verwundet ist. Und dann ist in den vergangenen Jahren Iran dazugekommen, ein Land das die muslimische Welt anführen und Israel von der Landkarte löschen will und das dabei ist, atomare Waffen zu entwickeln. Ich verstehe nicht, warum Iran, mit all seinen Ölvorräten und Flüssen so dringend Atomkraft braucht. Die Situation zwischen Israel und Iran ist sehr viel komplexer als das, was Grass schreibt.

Es ist erlaubt, Israel und die israelische Regierung zu kritisieren, aber ich glaube nicht, dass Grass wirklich nachvollziehen kann was in Israel gerade passiert . Ich für meinen Teil fürchte mich vor der iranischen und der israelischen Regierung und vor den Kräften, die hinter ihnen stehen. Ich habe das Gefühl, dass Israel zu der Spitze des Eisberges in einem Kampf der Kulturen geworden ist."

Guy Shamai, 28, Student

"Ich bin absolut nicht mit der Kritik von Günter Grass einverstanden. Israel gefährdet in keinster Weise den Weltfrieden. Die Regierung droht die ganze Zeit damit den Iran anzugreifen und sorgt damit für Aufregung aber sie wird es meiner Meinung nach nicht tun. Man darf nicht vergessen, dass Israel ein kleines Land ist.

Und überhaupt: Wir sind immer noch eine Demokratie und keine Diktatur. Bei uns herrscht immer noch Pluralismus.

Dass Grass jetzt als Persona non grata deklariert wurde, finde ich hysterisch. Das ist doch eine politische Show mit der man den Israelis zeigen möchte, dass man sie beschützt. Dabei kann doch jeder seine Meinung äußern. Naja, vielleicht ist das ganze auch nur eine PR-Kampagne und wir fallen alle darauf rein. Möglicherweise lesen jetzt auch mehr Leute in Israel Grass-Gedichte."

© Süddeutsche.de/beitz

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