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Coronavirus:So hat Südkorea den Ausbruch des Virus gezähmt

Seoul am Dienstag: Es ist ruhig, aber nicht menschenleer, die Regierung hat auf strikte Auflagen verzichtet.

(Foto: Ed Jones/AFP)
  • Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist in Südkorea deutlich zurückgegangen, ohne dass die Regierung allzu strikte Verordnungen erlassen hat.
  • Ohne die Einsicht der Menschen im Land hätte das nicht funktioniert.
  • Das Land hat zudem ein großes Testprogramm mit Hunderten Testzentren und zahlreichen Drive-in-Stationen aufgezogen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Vernunft schützt, findet Kim Nam-yeon. Die 28-jährige Textilingenieurin aus Seoul folgt deshalb ohne Murren den Ratschlägen der Behörden im Kampf gegen das Coronavirus: alle zwei Stunden Hände waschen. Die Desinfektionsmittel nutzen, die es mittlerweile auch in Bussen und U-Bahnen gibt. Und natürlich Gesichtsmasken tragen, um sich und andere zu schützen. Dass viele Kirschblütenfeste abgesagt sind, ist schade. Aber sie findet die Vorsicht richtig, zu welcher die Regierung alle anhält. Fühlt sie sich ihrer Freiheit beraubt? "Überhaupt nicht", sagt Kim Nam-yeon. Höchstens beim Gesichtsmaskenkauf. Keiner kriegt mehr als zwei pro Woche.

Auf die Disziplin seiner Bürger kann sich Südkorea verlassen, wenn es darum geht, das Coronavirus einzudämmen. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass der Tigerstaat mittlerweile vorsichtig optimistisch ist. Tage des Schreckens hat das Land hinter sich: Vom 21. Februar an verzeichnete es einen explosionsartigen Anstieg der Covid-19-Fälle. Einmal stellte das Koreanische Zentrum für Seuchenkontrolle (KZSK) 909 neue Infektionen an einem Tag fest. Südkorea war der zweitgrößte Coronavirus-Krisenfall hinter China.

Jetzt, einen Monat später, sieht die Fall-Kurve viel besser aus. Der Zuwachs am Montag war der geringste seit dem 21. Februar (64 neue Fälle), 76 waren es am Dienstag. 9037 Covid-19-Erkrankte sind registriert, von denen mittlerweile 3507 entlassen sind. Das Zähmen des Ausbruchs funktioniert in Südkorea - so sieht es zumindest gerade aus. Zumal die Zahl der Todesfälle (120) relativ niedrig geblieben ist. Dabei hat die Regierung des Präsidenten Moon Jae-in nicht einmal strikte Verordnungen erlassen, um große Menschenansammlungen und potenzielle Infektionscluster zu verhindern. Im Ausland fragen sich viele: Wie hat Südkorea das geschafft?

Die Seuchenbekämpfer ermitteln akribisch Kontaktpersonen von Infizierten

Ohne die Einsicht der Menschen im Land hätte das nicht funktioniert. Die Ansagen der Behörden waren durchaus deutlich. Vor allem in Daegu, nachdem es dort in der Kirche einer Religionsbewegung eine Masseninfektion gegeben hatte. Aber echte Ausgangssperren waren nicht nötig, die Menschen folgten. In Daegu wurde es extrem ruhig. Auch die Hauptstadt Seoul war kaum wiederzuerkennen, obwohl die meisten Geschäfte und Restaurants offen blieben. Es gab zwar den strengen Hinweis aus dem Rathaus, dass Demonstrationen zu Geldbußen führen könnten - aber als dann ein paar Hundert Menschen auf ihrem Recht beharrten, ließ die Polizei sie gewähren. Die meisten blieben ohnehin daheim. "Ich habe nicht das Gefühl, als gäbe es Sanktionen vom Staat", sagt Myeong Geun Cho, 34, der in einem Seouler Start-up arbeitet. "Die Leute folgen aus eigener Vorsicht." Sie fordern die Vorsicht sogar ein. "Wenn ich im Zug keine Maske trage, werde ich schon schief angeschaut."

Ein wichtiger Grund für das ermutigende Zwischenergebnis dürfte aber auch die Tatsache sein, dass man in Südkorea früh eine gefährliche Eigenschaft des neuen Coronavirus beachtet hat: Es verbreitet sich auch über Menschen, die keine oder nur milde Symptome zeigen. "Dieser Charakter des Virus macht die traditionelle Antwort darauf, die Lockdown und Isolation betont, ineffektiv", zitiert die New York Times Südkoreas Vize-Gesundheitsminister Kim Gang-lip. Wer es einmal im Land hat, so das südkoreanische Verständnis, muss viel testen, um möglichst viele unauffällige Infizierte erfassen und in medizinischer Isolation kurieren zu können.

Ein großes Testprogramm zieht Südkorea deshalb auf, mit Hunderten Testzentren und zahlreichen Drive-in-Stationen. 348 582 Tests hat das KZSK bisher analysieren lassen. Kontaktpersonen von Infizierten machten Südkoreas Seuchenbekämpfer in detektivischer Kleinarbeit ausfindig, indem sie Kreditkartendaten nutzten, Mobiltelefone trackten und Überwachungskameras auswerteten. Auch Tempo war ein Faktor. Beim Massenausbruch war schnell klar, dass besagte Kirche der Ausgangspunkt war. Schnell bat der Bürgermeister die Menschen von den Straßen. Schnell gehorchten die Menschen.

Und es bleibt ruhig in Südkoreas Städten. Man traut sich nicht, erleichtert zu sein. Dass es weniger neue Fälle gibt, deutet Kim Nam-yeon jedenfalls nicht so, als sei die Luft rein. "Wir müssen immer noch vorsichtig sein."

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© SZ vom 25.03.2020/saul
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