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Internationale Schifffahrt:Matrosen auf viel zu langer Fahrt

Hunderttausende Seeleute sitzen seit Monaten fest

Auslaufen in Corona-Zeiten: Seeleute wie die Crew der "Ruby Princess" müssen wegen der Pandemie oft mehr als ein Jahr auf ihren Schiffen durcharbeiten.

(Foto: Dean Lewins/dpa)

Wegen Corona-Einschränkungen können Frachtercrews oft nicht mehr ausgetauscht werden. Hunderttausende Seeleute sind betroffen, viele können nicht einmal von Bord.

Von Anna Reuß

Am Freitag endete die Frist, knapp drei Monate nach der Umweltkatastrophe vor Mauritius kann eine Kommission Untersuchungen beginnen. Sie soll herausfinden, was am Abend des 25. Juli genau passierte, als die Wakashio, ein japanischer Frachter unter Panamas Flagge, im türkisfarbenen Wasser auf Grund lief und 1000 Tonnen Öl verlor.

Die "Wut wegen dieser Tragödie" - einer gigantischen Ölpest, die das Meer schwarz färbte - gelte eher den Faktoren, die zu solchen Unfällen führten, als den Leuten, die im Unglücksmoment in der Verantwortung waren, teilte die Seefahrergewerkschaft mit. Sie weist auf Gefahren durch "zunehmend ermüdete" Besatzungen hin. Mehrere Crewmitglieder hatten überzogene Arbeitsverträge.

Die Leute auf der Wakashio gehören zu den rund 400 000 Seeleuten, die laut Schätzungen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation "gestrandet" sind. Sie müssen über die Dauer ihrer Arbeitsverträge hinaus an Bord bleiben - ohne Landgang.

Normalerweisen würden jeden Monat weltweit etwa 100 000 Seeleute ausgewechselt. Wegen der Corona-Maßnahmen haben Reedereien jedoch Schwierigkeiten, Crews abzulösen - etwa wegen Hygienevorgaben an Bord, oder weil Schiffe nicht ohne Weiteres anlegen dürfen.

Kapitäne berichten über physisch und psychisch erschöpfte Besatzungsmitglieder

Weil dies gegen internationale Vorschriften verstößt, soll das Schicksal der Seeleute nun die Vereinten Nationen beschäftigen. Das fordert jedenfalls die größte Containerschiffs-Reederei der Welt, die zur dänischen Maersk-Gruppe gehört. Henriette Thygesen, hohe Managerin bei Maersk, zitierte Ende September vor der UN-Vollversammlung aus einer Unterhaltung mit einem Kapitän, der zwei Besatzungsmitglieder von Bord schickte, obwohl für sie niemand neu aufs Schiff durfte: "Ich hatte Angst um die seelische Gesundheit eines Offiziers. Jetzt fehlen uns drei Mann und wir sind erschöpft", schrieb er. Es sei längst überfällig, die Besatzungen der Frachter auszuwechseln, die wegen des Coronavirus seit Monaten an Bord festsitzen, sagte Thygesen: "Viele Seeleute sind verzweifelt." Sie könnten nicht abgelöst werden und seien körperlich und mental erschöpft. Es drohe eine humanitäre Krise.

Oft werde Besatzungsmitgliedern medizinische Hilfe verweigert, obwohl Hafen- und Küstenstaaten verpflichtet seien, erkrankten Seeleuten jeder Nationalität Behandlung anzubieten. "Dies ist ein grundlegendes Menschenrecht, und wir als Weltgemeinschaft sind es unseren Seeleuten schuldig."

Auch die größten Konsumgüterkonzerne sorgen sich um gestrandete Seeleute. Dabei dürften - wie in der Schifffahrtsbranche - neben deren Schicksal Geschäftsinteressen eine Rolle spielen: Rund 90 Prozent des globalen Handels läuft über den Seeweg, elf Milliarden Tonnen Ladung im Jahr, eineinhalb Tonnen pro Kopf der Weltbevölkerung. Die Corona-Pandemie hat die Lieferketten beeinträchtigt. "Behördliche Auflagen stören den Seeverkehr erheblich", heißt es in einem offenen Brief, unterzeichnet von Geschäftsführern mehrerer Konzerne, darunter Johnson & Johnson, Unilever und Nestlé. Dies sei "eine der dringendsten Herausforderungen für den globalen Handel".

Die Konzerne fordern UN-Generalsekretär António Guterres auf, Seeleute als in der Pandemie unverzichtbare Arbeitskräfte einzustufen. Und sichere Besatzungswechsel müssten ermöglicht werden: "Der internationale Handel und globale Lieferketten hängen vom reibungslosen Ablauf des Seetransports ab." Man müsse sicherstellen, dass Crews nicht über die gesetzlich höchstens elf Monate an Bord festsitzen, sonst schlage das auf ihre psychische Verfassung. Tatsächlich sind es bis zu 17 Monate.

Im Juli forderte daher die Internationale Schifffahrtskammer von der niederländischen Regierung, die Visaregeln vorübergehend zu ändern. Seeleute aus Drittländern können Probleme habe, das Visum für den Schengenraum zu erhalten, um ein Schiff zu betreten oder zu verlassen, da einige Staaten ihre diplomatischen Vertretungen in Drittstaaten geschlossen haben. Auch die Europäische Transportarbeitergewerkschaft und der Verband der Europäischen Reeder schickten der EU-Kommission einen offenen Brief, sie drängten auf Wiedereröffnung von Schengenkonsulaten zur Ausstellung von Visa für Seeleute.

Manche Regeln wirken kafkaesk, die Seeleute können sie gar nicht erfüllen

Die meisten Seeleute auf Frachtern stammen von den Philippinen, aus Indien und Indonesien. Die Einschränkungen treffen sie besonders - sie sitzen an Bord fest. Die Royal Association of Netherlands Shipowners schloss sich dem Aufruf an: 72 Stunden, um ein Land zu verlassen, seien in der Pandemie unrealistisch. Es gebe zu wenige Flüge, viele Seeleute könnten daher nicht schnell zurück in ihre Heimatländer. Wer etwa in Rotterdam ohne Schengen-Staatsbürgerschaft strandet, kann das Schiff nicht verlassen, da er nach den Visaregeln binnen 72 Stunden das Land verlassen müsste. Startet der nächstmögliche Flug erst später, erhält er kein Visum und kann deshalb nicht von Bord.

Die britische Regierung hielt im Juli einen Gipfel zur Lage gestrandeter Seeleute ab. Deutschland und zwölf weitere Staaten erklärten sich bereit, Besatzungswechsel zu erleichtern. Staaten, wo dies derzeit unmöglich ist - etwa China - nahmen gar nicht erst teil. Viel hat sich seither nicht geändert. "Wir sehen positive Entwicklungen in einzelnen Ländern, zugleich vertut man Chancen", sagt Niels Bruus, zuständiger Personalchef bei Maersk. So gelten Seeleute weiter nicht als als verzichtbarer Berufsstand in der Pandemie.

"Wir brauchen sichere Prozesse, die uns unsere Arbeit erlauben - und zwar auch, wenn Covid-19 ein Problem bleibt." Hilfe der Staaten sei gefragt. Sonst komme es zu einem "Auf und Zu" der Grenzen und Häfen. Schwierig seien auch unübersichtliche Testregeln: Einem Besatzungsmitglied sei im Flugzeug die Ausreise verweigert worden - plötzlich durfte ein negatives Testergebnis höchstens 24 Stunden alt sein, nicht mehr 48. Der Mann habe sich drei Minuten zu spät testen lassen, sagt Bruus. Andere Länder limitierten die Einreise von Ausländern. Das mache es schwierig, Wochen im Voraus Frachterrouten zu planen.

Henriette Thygesen sagte vor den UN, die Schifffahrt könne nur effektiv arbeiten, wenn die Welt Seeleuten mit offenen Grenzen und weniger Bürokratie begegne. Bruus gibt ihr recht, und angesichts steigender Infektionen dränge die Zeit.

© SZ/bac

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