Pandemiepolitik:Eine sofortige Kehrtwende in China wäre heikel

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Pandemiepolitik: "Kontraproduktiv und gefährlich": Eine sofortige Abkehr von der Null-Covid-Strategie hätte einen enormen Anstieg der Todeszahlen zur Folge - Gesundheitsschutzpersonal in Peking.

"Kontraproduktiv und gefährlich": Eine sofortige Abkehr von der Null-Covid-Strategie hätte einen enormen Anstieg der Todeszahlen zur Folge - Gesundheitsschutzpersonal in Peking.

(Foto: Noel Celis/AFP)

Wegen der geringen Immunität in der Bevölkerung gilt eine radikale Abkehr von der bisherigen Corona-Strategie als "kontraproduktiv und gefährlich".

Von Berit Uhlmann

Würde man allein auf die offizielle Statistik schauen, erschiene die Pandemie-Politik Chinas erfolgreicher als die vieler anderer Länder. Knapp 1,5 Millionen Covid-Fälle wurden bisher gemeldet, gut 5000 Todesfälle registriert. Das ist wenig für ein so riesiges Land. Vergleicht man die Pro-Kopf-Raten, hat Deutschland fast 500 Mal so viele Fälle und Todesfälle zu verzeichnen. Nur sind in dieser Rechnung nicht die massiven Kollateralschäden für die Gesundheit und andere Bereiche des Lebens eingerechnet. Und die Bilanz könnte sich auch noch ändern.

Denn auch angesichts der aktuellen Ereignisse stellt sich die Frage, wie lange China seine Strategie mit ihren Lockdowns und der Zwangsquarantäne noch durchhalten kann. Die Null-Covid-Politik funktioniere mit einem so ansteckenden Virus nicht, sagte Lawrence Gostin, Experte für internationales Gesundheitsrecht der Georgetown University, auf Twitter: "Die Einschränkung von Menschenrechten und Wirtschaft ist ein Rezept für eine Katastrophe. Es muss eine Ausstiegsszenario geben."

Für die meisten Wissenschaftler war von Anfang an klar, dass Lockdowns nur eine begrenzte Maßnahme für den Notfall sein können. Sie können Zeiten überbrücken, bis geeignetere Methoden verfügbar sind. In den westlichen Ländern machten die mRNA-Impfstoffe die Lockdowns verzichtbar. China aber setzt weiter auf die eigenen Vakzine, was die Probleme noch verschärft.

Die chinesischen Produkte, allen voran die der Firmen Sinopharm und Sinovac, erreichten nie die Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe. In den Zulassungsstudien waren die Präparate zu etwa 50 und 80 Prozent gegen Erkrankung wirksam und blieben damit hinter den mRNA-Impfstoffen zurück, die mehr als 90 Prozent Effektivität aufwiesen. Einige Daten deuten darauf hin, dass die Wirksamkeit der chinesischen Vakzine im Laufe der Zeit auch stärker nachlässt. Ebenso gibt es Hinweise, dass sie gegen Omikron besonders schlecht wirken. Hinzu kommt, dass nur 57 Prozent der Chinesen drei Mal geimpft sind, es wird von großen Impflücken unter älteren Menschen berichtet.

Eine Kehrtwende in China hätte globale Auswirkungen

Aus Sicht von Timo Ulrichs, Experte für Globale Gesundheit an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin, müsste die chinesische Führung ihre Bevölkerung daher mit den angepassten mRNA-Impfstoffen versorgen. Eine sofortige, radikale Abkehr von der gegenwärtigen Strategie sei dagegen angesichts der geringen Immunität in der Bevölkerung "kontraproduktiv und gefährlich". Die Folge wäre ein massives Infektionsgeschehen.

Zu diesem Ergebnis kamen im Frühjahr auch chinesische und amerikanische Forscher, die simuliert hatten, wie sich eine rasche Kehrtwende der chinesischen Politik auswirken würde: Die Kliniken wären massiv überlastet, der Bedarf an Intensivbetten wäre 15 Mal so hoch wie der Bestand. Etwa 1,55 Millionen Todesfälle würden daraus resultieren. Eine starke Verbreitung des Virus in China berge zudem das Risiko, dass sich neue Mutationen bilden, sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. "Das kann für uns alle negative Folgen haben."

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