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Chile:Tiefer Absturz

Bald sollen die Chilenen über eine neue Verfassung abstimmen. Da erinnert ein harter Polizeieinsatz erneut daran, wie viel schiefläuft in einem der ungleichsten Länder Südamerikas.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Extrem ungleiches Land: Am Wochenende demonstrierten in Santiago de Chile viele Menschen gegen die Regierung.

(Foto: Esteban Felix/AP)

Fast genau ein Jahr ist vergangen, seit im Oktober 2019 riesige Massenproteste Chile erschüttert haben. Nun könnten diese erneut aufflammen, ausgelöst durch ein Video vom vergangenen Freitag: Es zeigt eine Gruppe von Demonstranten, die auf der Flucht vor der Polizei über eine Brücke in Chiles Hauptstadt Santiago läuft. Auf den Aufnahmen kann man sehen, wie ein Beamter seitlich in einen 16-Jährigen rennt. Der Jugendliche stürzt daraufhin über das Geländer der Brücke und sieben Meter in die Tiefe. Dort blieb er verletzt im seichten Wasser liegen, Rettungskräfte borgen seinen Körper und brachten den jungen Mann ins Krankenhaus.

Er hat den Sturz überlebt, allerdings mit einem Schädel-Hirn-Trauma und gebrochenen Handgelenken. Doch auch wenn der 16-Jährige außer Lebensgefahr ist, hat der Vorfall in Chile breites Entsetzen ausgelöst. Viele Menschen fühlen sich erinnert an das brutale Vorgehen der Polizei bei den Protesten im letzten Jahr.

Nur zwei Wochen sind es noch, bis sich am 18. Oktober der Beginn der Proteste im letzte Jahr jährt. Eine Woche später findet dann das große Referendum über eine neue Verfassung statt. Die Stimmung in Chile, fürchten Beobachter, dürfte in den nächsten Tage noch angespannter werden. Manche fürchten eine Rückkehr in das Chaos, in dem das Land letztes Jahr versank.

Die Proteste hatten damals mit einer Erhöhung des Fahrpreises für die Metro in Santiago begonnen. Schüler fingen an, demonstrativ und in Massen schwarz zu fahren, schnell schwappte der Protest auch auf andere Bevölkerungsgruppen über. Als die Polizei Mitte Oktober versuchte, die Situation in den Griff zu bekommen, kam es zu schweren Auseinandersetzungen. U-Bahn- und Busstationen brannten, Supermärkte wurden geplündert. Demonstranten schmissen Steine und Molotowcocktails, die Polizei antwortete mit Tränengas, Schlagstöcken, Wasserwerfern und Gummigeschossen. Die Regierung versuchte einzulenken, die Preiserhöhung der U-Bahntickets wurde zurückgenommen, längst aber ging es bei den Protesten um mehr.

Wegen des Coronavirus musste die Abstimmung verschoben werden

Chile ist ein extrem ungleiches Land. Es gibt eine wohlhabende Elite, aber auch alte Menschen, die von ihrer spärlichen Rente kaum noch leben können. Viele Junge arbeiten dagegen in prekären Jobs. Oft verdienen sie kaum mehr als den Mindestlohn, von dem sie dann noch einen großen Teil dafür aufwenden müssen, um Studienkredite zurückzuzahlen. Bildung ist in Chile so gut wie vollständig privatisiert, genauso wie das Renten- und Gesundheitssystem. All dies ist auch ein Erbe der Diktatur von Augusto Pinochet, der das Land von 1973 bis 1990 beherrschte und ein neoliberales Wirtschaftsmodel im Land installierte, das so auch bis heute in Verfassung festgeschrieben ist.

Als die Welle von Protesten im Oktober letzten Jahres über das Land schwappte, lautete die Kernforderung vieler Demonstranten, das Land müsse eine neue Verfassung erhalten. Viele Chilenen erhoffen sich von ihr ein Ende struktureller Ungleichheit, indigene Gruppen pochen auf mehr Selbstbestimmung, und Menschen aus schwächeren sozialen Schichten auf mehr Hilfe vom Staat. Mehrere Hunderttausend Menschen gingen für diese Forderungen zum Schluss jede Woche in Chile auf die Straße. Die Plaza Baquedano in Santiago wurde dabei zum Zentrum der Demonstrationen. Die Reiterstatue in der Mitte des Platzes war mit Parolen beschrieben, Fahnen wehten in der Luft, jeden Tag aber auch die Wolken aus Tränengas, wenn die Polizei mal wieder zur Räumung anrückte.

Je größer die Proteste wurden, desto brutaler gingen die Carabineros vor. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen und sexueller Gewalt. Mehr als 30 Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt, mehrere Hundert dabei am Auge, weil Polizisten vermutlich absichtlich mit Gummigeschossen auf ihre Gesichter gezielt hatten.

Nach monatelangen Protesten versprach die Regierung Ende des Jahres ein Verfassungsreferendum. Im April diesen Jahres sollten die Chilenen darüber abstimmen, ob sie überhaupt eine neue Verfassung wollten. Dann aber kam das Coronavirus, die Abstimmung musste verschoben werden, und zur Eindämmung des Erregers verhängte die Regierung eine strenge Ausgangssperre. Geschäfte wurden geschlossen, genauso wie Schulen und Restaurants. Und auch die Demonstrationen wurden durch die Beschränkungen jäh beendet.

Nach Monaten im Lockdown kehrt nun zaghaft wieder die Normalität ein. Gleichzeitig aber flammen die Proteste wieder auf. Freitags treffen sich Demonstranten wieder auf der Plaza Baquedano in Santiago, die sie umgetauft haben in "Plaza Dignidad", Platz der Würde. Ein paar Schritte sind es nur von hier bis zu dem Ort, an dem am vergangenen Freitag der 16-jährige Demonstrant in die Tiefe stürzte.

Nachdem sich die Aufnahmen im Netz verbreitet hatten, sprachen die chilenischen Medien und die Polizei zunächst von einem Unfall. Der junge Mann habe wohl einfach das Gleichgewicht verloren, sagte ein Sprecher der Polizei. Zudem sei der Vorfall in einer Situation entstanden, in dem die Polizei versucht habe, Randalierer und Unruhestifter festzunehmen.

Mittlerweile aber hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet, der Polizist ist verhaftet worden, und die Opposition fordert einen Rücktritt des Leiters der Carabineros. Derweil gingen am Wochenende hunderte Demonstranten in Santiago mit Schildern auf die Straße, auf denen stand: "Er ist nicht gefallen, sie haben ihn gestoßen."

© SZ vom 06.10.2020
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