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Chile:Schummelprüfung

Wie kreativ die Schüler des Landes gegen ihr Bildungssystem protestieren.

Von Benedikt Peters

Politiker in Chile wissen schon lange, dass sie sich vor den Pinguinen in Acht nehmen müssen. "Pinguine", so werden die Schüler in dem südamerikanischen Land genannt - wegen ihrer dunkelblau-weißen Schuluniformen. Immer wieder gingen sie zu Hunderttausenden auf die Straßen, 2006 und 2011 etwa. 2019 schließlich stürzten sie die Regierung des amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera in eine tiefe Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Millionen Menschen demonstrierten, nachdem die Schüler U-Bahnstationen besetzt hatten, zuvor hatte die Regierung die Fahrpreise erhöht. Die Demonstranten forderten endlich mehr Gerechtigkeit in einem Land, das eine der höchsten Ungleichheitsraten weltweit aufweist.

Nun haben die "Pinguine" eine neue Form des Protests gefunden, es ist der Protest durch Schummeln. Anfang dieser Woche sollten die chilenischen Oberstufenschüler eigentlich die PSU ablegen, die "Prueba de Selección Universitaria". Die Prüfung ist das Nadelöhr für den Zugang zu den chilenischen Hochschulen, nur die Besten schaffen es an die Spitzenuniversitäten. Die Schüler aber haben entschieden, das nicht mehr mitzumachen.

Am Dienstag tauchten auf Instagram mehrere Blätter mit Multiple-Choice-Fragen auf, es handelte sich um die Aufgaben im Fach Geschichte. Die chilenischen Behörden sahen sich daraufhin gezwungen, die Prüfung abzusagen. Auch die Tests in den anderen Fächern - Spanisch, Mathe und Naturwissenschaften - wurden teils geleakt und teils boykottiert. Die Schüler drehten in den Klassenzimmern Tische um, auf denen sie eigentlich die Aufgaben hätten lösen sollen. Andernorts verbrannten sie Prüfbögen auf dem Pausenhof.

Die Schüler taten das nicht aus Faulheit, sondern aus Protest gegen das System. Aus ihrer Sicht zeigt die Eingangsprüfung nicht, wer für ein Studium geeignet ist. Sie zeigt stattdessen, nach welchem Grundsatz es in Chile zugeht: Wer hat, dem wird gegeben. Um bei der PSU gut abzuschneiden, muss man sich nämlich entweder sehr viele Fakten merken können - oder man muss das nötige Geld haben, um sich einen Nachhilfelehrer oder eine gute Privatschule leisten zu können. Ein gutes Prüfungsergebnis braucht man wiederum, um an den renommierten staatlichen Universitäten studieren zu dürfen. Die Lehre dort ist gut und verheißt vergleichsweise gute Jobaussichten. Die Schlechteren bekommen, wenn überhaupt, einen Platz an einer Privatuniversität. Diese haben nicht nur in der Regel einen bescheidenen Ruf, sondern erheben auch hohe Gebühren. Viele Familien verschulden sich auf Jahrzehnte, um das Studium dort bezahlen zu können.

"Das Bildungssystem Pinochets", so nennen das die Schüler. Sie beziehen sich auf den Diktator Augusto Pinochet, der in den 1970er-Jahren den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt und Chile in einen neoliberalen Musterstaat verwandelt hatte. Bildung, Gesundheit, Altersvorsorge - darum müssen sich die Chilenen seitdem selbst kümmern. Nach den riesigen Protesten von 2019 hatte Präsident Piñera angekündigt, im April über eine Verfassungsreform abstimmen zu lassen, um das zu ändern. Die "Pinguine" haben nun gezeigt, dass sie kaum so lange warten wollen.

© SZ vom 09.01.2020
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