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CDU-Generalsekretär Gröhe stellt sich vor Pofalla:"Bürgerlichkeit bedeutet nicht, fehlerlos zu sein"

Die verbalen Entgleisungen von Kanzleramtsminister Pofalla gegen Euro-Abweichler Bosbach alarmieren die Vertrauten der Kanzlerin. CDU-Generalsekretär Gröhe wirbt im Gespräch mit sueddeutsche.de um Nachsicht für den Wüterich - und räumt ein, dass es in der Politik "bisweilen auch mal rauer zugeht".

Nun, da die Wellen der Empörung über den CDU-Minister Ronald Pofalla hochschlagen, hört er von der grünen Lichtgestalt Joschka Fischer Worte, die fast nach Anerkennung klingen: "Mir ist ein deftiges Wort des Zorns immer lieber", sagt Joschka Fischer zur Leipziger Volkszeitung, "als eine scheinbar freundlich vorgetragene süßsaure Hinterhältigkeit."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU)

(Foto: dapd)

Fischer sagt das natürlich auch, weil er vor seiner Amtszeit als Außenminister seine Worte auch nicht immer sorgsam wählte. Das Verständnis des ehemaligen Straßenkämpfers dürfte Pofalla deshalb wenig nutzen. Die Kritik am Kanzleramtsminister wächst, seitdem die Verbalattacke gegen seinen Parteifreund Wolfgang Bosbach bekanntgeworden ist.

Pofalla gilt allerdings als loyaler Gefolgsmann der CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit vereinten Kräften versuchen nun hochrangige Merkelianer den reuigen Wüterich aus der Schusslinie zu bugsieren. Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze weist auf die erfolgte Entschuldigung Pofallas hin. Ähnlich äußert sich CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe: "Es wäre nicht fair, einen Menschen, der sonst eine sehr gute Arbeit leistet, allein an einem solchen Wutausbruch zu messen", sagt Gröhe zu sueddeutsche.de und weist darauf hin, dass sich Pofalla nun auch öffentlich erklärt hat, sein Verhalten zu bedauern.

Via Bild-Zeitung erklärt Pofalla laut Vorabbericht: "Ich ärgere mich selbst sehr über das, was vorgefallen ist, und es tut mir außerordentlich leid."

Das dürfte nicht allen Kritikern Pofallas reichen, denn viele halten ihn als Chef des Bundeskanzleramtes für eine Fehlbesetzung - und für einen Mitschuldigen an der mageren Bilanz der schwarz-gelben Koalition. Gröhe kanzelt solche Vorwürfe ab: Pofalla mache "einen überaus schwierigen Job sehr gut" und verwies auf die Energiewende. "Da galt es hinter den Kulissen, verschiedene Ressorts mit unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzuführen - kein einfaches Unterfangen bei einem schwierigen Thema." Pofalla habe dies "gemeistert".

Gröhe stammt wie Hintze, Bosbach und Pofalla aus dem nordrhein-westfälischen CDU-Landesverband. Alle standen stets stramm bei der Kanzlerin - nur Bosbach tanzte unlängst aus der Reihe. Er gehört zu den zehn Unions-Abgeordneten, die in der vergangenen Woche im Bundestag nicht für die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms EFSF votiert haben.

Bosbach hatte vor der Abstimmung auch im Gespräch mit sueddeutsche.deumschrieben, dass Druck auf ihn ausgeübt worden wäre. Der Rheinländer beklagte "üble Nachrede" aus den Reihen seiner Partei, der CDU. Die Attacke von Pofalla hatte Bosbach allerdings nicht erwähnt. Er möchte auch nichts mehr dazu sagen. "Für ihn ist die Sache erledigt", heißt es aus Bosbachs Büro.

Für Pofalla ist die Causa allerdings noch nicht ausgestanden. Im bürgerlichen Lager macht sich Unmut breit, der FDP-Nachwuchs zweifelt offen an Pofallas Eignung, in der CSU pocht man auf "Respekt" im Umgang miteinander.

"Wir wissen alle, dass es in der Politik bisweilen auch mal rauer zugeht", sagt CDU-Generalsekretär Gröhe und versucht zu erklären, wie es zu dem verbalen Ausfall kam: Vor wichtigen Abstimmungen wie der über den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF herrscht eine hohe Anspannung - für alle Parlamentarier. Der CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann fühlte sich gar "wie Rotkäppchen im Schneesturm". Der Notar aus Berlin stimmte schließlich zu - er wollte die Kanzlerin in der schwierigen Abstimmung nicht alleinlassen.

"Bürgerlichkeit bedeutet vor allem Fehler zu erkennen und zu korrigieren"

"Es war eine durchaus belastende Situation", sagt Gröhe nun, belastend "nicht nur für diejenigen, die mit 'Nein' gestimmt haben, sondern auch für diejenigen, die mit 'Ja' votiert haben. Der CDU-Parteimanager meint: "So wie es diejenigen, die mit 'Nein' gestimmt haben, nicht verdienen, als Europa-Gegner abgestempelt zu werden, finden es diejenigen, die mit 'Ja' gestimmt haben, verletzend, als Parteisoldaten ohne eigene Meinung herabgesetzt zu werden."

Dass der Wutausbruch Pofallas ein Ausdruck von dessen Nicht-Bürgerlichkeit ist, lässt Gröhe nicht gelten. "Bürgerlichkeit bedeutet nicht, fehlerlos zu sein", sagt der CDU-Generalsekretär über seinen Vorgänger, "sondern Bürgerlichkeit bedeutet vor allem Fehler zu erkennen und zu korrigieren".

Der Autor debattiert unter twitter.com/oliverdasgupta