Bundesregierung "Sie hat mir die Hand gegeben"

Wenn im Berliner Regierungsviertel die Türen aufgehen, stehen die Menschen Schlange. Von "Merkel muss weg"-Stimmung keine Spur.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Noch fehlt ihr Gemälde in der Kanzlergalerie, dafür gibt es Angela Merkel am Sonntag live. Man muss nur etwas Zeit mitbringen.

(Foto: Felipe Trueba/Shutterstock)

Es gibt Tage, da könnte man meinen, Angela Merkel sei nicht Bundeskanzlerin, sondern eine Art Schutzheilige, die zu berühren allein schon Wunder wirkt. Am Sonntag ist das so in Berlin. Es ist Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Unter dem Motto "Hallo, Politik" stehen Zehntausende Besucher aus aller Welt zwei Tage lang Schlange, um die Bundesministerien zu besichtigen, mit Politikern zu diskutieren, den Regierenden die Meinung zu sagen. Oder sie einfach mal anzufassen.

"Hallo", sagt also Angela Merkel, als sie am Sonntagnachmittag mit Schulmädchenlächeln aus den Kulissen des Bundeskanzleramts tritt. Tausende stehen hier, klatschen, recken Handys oder Hände. Manche wollen ein Autogramm, ein Selfie oder auch nur unauffällig über den Arm der Kanzlerin streichen. "Bleiben Sie so, wie Sie sind", ruft jemand. "Wir sind Fans", seufzt eine Rentnerin aus Baden-Württemberg. "Ich mag sie wirklich sehr, vor allem seit dem Brexit", sagt Liadan Anandarajah aus London. "Elle m'a donné la main - sie hat mir die Hand gegeben", sagt eher fassungslos ein junger Mann aus Mauritius. Es sind insbesondere kleine Mädchen, denen die Kanzlerin ein Autogramm spendiert. Und es sind insbesondere Frauen, auch die mit dunklerer Haut, die sie anstrahlen wie eine Erlöserin.

Der Bundeskanzlerin aber steht an diesem Tag der Sinn wohl eher nach Distanzverringerung. "Da kommt der rote Teppich hin", erklärt sie den Gästen im Ehrenhof des Kanzleramts in schnörkellosem Ton. Vor einem Hubschrauber der Bundespolizei fragt Merkel munter Daten ab, Geschwindigkeit, Lärmschutz, wie beim Quartettspiel. Doch, wackelt ganz schön in dem Gefährt, wenn es abhebt, erzählt sie und macht eine Handbewegung, als führe jemand wild Achterbahn. Dann ein Achselzucken. "Kann man sich daran gewöhnen." Kanzlerin kann jeder, das ist heute hier die Botschaft.

Andere haben es nicht ganz so leicht, Begeisterung beim Publikum zu entfachen. Horst Seehofer ist so einer, am Samstag stellt er sich im Saal der Bundespressekonferenz den Fragen der Bürger. Kein Sitzplatz ist mehr frei, viele junge Leute sind gekommen, Familien aus Mecklenburg, Bayern, Italien. Es ist der erste Auftritt des Bundesinnenministers nach seinem Urlaub, und aus Sorge vor Krawall warnt der Moderator seine Gäste gleich zu Beginn, er werde bei unstatthaftem Benehmen notfalls von seinem "Hausrecht Gebrauch machen". Von Beschimpfungen des Ministers aber kann dann keine Rede sein. Es wird gefragt, wenn auch hartnäckig.

Macht brauche Kontrolle durch die Medien, sagt Seehofer. "Auch ich muss kontrolliert werden"

Warum Seehofer immer noch nicht Stellung zum Polizeiskandal in Sachsen bezogen habe, will da ein Besucher wissen. Gemeint ist der Fall eines Mitarbeiters des sächsischen Landeskriminalamts, der während einer Pegida-Demonstration ein ZDF-Team angepöbelt hat. Die Polizei setzte nicht ihn, sondern das Kamerateam für 45 Minuten fest, es folgte ein Streit über den Rechtstrend in Sicherheitsbehörden.

"Ich bin eigentlich noch im Urlaub und ich habe keine direkten Informationen", sagt Seehofer, dessen Stimme zunächst klingt, als sei sie länger nicht benutzt worden. Der CSU-Chef verbringt die Ferien bekanntlich gern im Keller seines Ferienhauses bei der Modelleisenbahn. Im Urlaub lese er keine Zeitung und schaue kein Fernsehen, erzählt er. Welche Maßnahmen will Seehofer gegen rechte Tendenzen bei der Polizei ergreifen, bohrt der Besucher nach. Erst brauche er "saubere Informationen", gibt Seehofer zurück. Er halte nichts davon, die Dinge "aus der Hüfte heraus" zu beurteilen. Jenseits davon aber "muss die Pressefreiheit zweifelsfrei gewahrt werden". Die Macht brauche "immer Gegenmacht", also eine starke Opposition und eine freie Presse, sagt Seehofer später noch. Dann wendet er sich dem Journalisten zu, der neben ihm die Bürgerpressekonferenz leitet. "Auch wenn ich mich über Sie gelegentlich ärgere", sagt er zu ihm. "Gelegentlich ist zu barmherzig", korrigiert Seehofer sich. Er ärgere sich "oft" über Journalisten. Aber Macht brauche eben Kontrolle, "auch ich muss kontrolliert werden." Da bricht im Saal Gelächter aus.

Ein Gast aus Bayern will dann wissen, warum Seehofer künftig twittern will, obwohl er doch "nicht aus der Hüfte schießen" wolle. "Ich will das nicht so machen wie der amerikanische Präsident", versichert der Innenminister. Aber gegen falsche Berichte könne man sich oft nicht anders als im Internet wehren. Er werde dies nur nach "sachlicher Vorprüfung" tun.

"Herr Seehofer, Sie haben einen Amtseid geschworen zum Wohle des deutschen Volkes", sagt jetzt ein Wirtschaftsstudent aus Frankfurt. Wie der Minister diesen Eid mit dem Streit um die Zurückweisung von Asylbewerbern an der deutschen Grenze vereinbaren könne, mit der Regierungskrise im Juni und seiner Aussage, er könne mit Angela Merkel nicht mehr zusammenarbeiten. Seehofer beginnt jetzt einen längeren Exkurs über Humanität und Ordnung in seinem sogenannten Masterplan Migration. "Ich habe im Übrigen nicht gesagt, ich kann mit der Kanzlerin nicht zusammenarbeiten", betont er. "Fake News". Außerdem habe er inzwischen mit Griechenland und Spanien eine Vereinbarung getroffen. "Mit Rom ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns verständigen, sehr, sehr, sehr hoch." Italien wolle Flüchtlinge nur zurücknehmen, wenn es in gleichem Umfang bei der Seenotrettung entlastet wird.

Wie der Minister sich das Ende seiner Karriere vorstelle, will ein junger Mann wissen. "Schmerzfrei", sagt Seehofer. 2013 habe er angekündigt, nur noch für eine Legislatur bereitzustehen. Ein Fehler, sofort hätten die "zu scharren" begonnen, die sich zum Nachfolger berufen fühlten. Solange er "überzeugt" sei, ergänzt er, solange ihm niemand sage, "jetzt wirst du tatterig, kannst dich nicht mehr klar artikulieren, womöglich liegen schon Anfangszustände von Demenz vor" - so lange dies nicht der Fall sei, bleibe er auf Posten.