Bundesbank Weber legt Sarrazin den Rücktritt nahe

Thilo Sarrazin wird aus den eigenen Reihen ein Amtsverzicht nahegelegt. Vergeblich hatte man versucht, den Abdruck seines Interviews zu verhindern.

Von C. Hulverscheidt

Das Wort "Rücktritt" kam Axel Weber nicht über die Lippen, zwischen den Zeilen jedoch war die Bot-schaft des Bundesbankpräsidenten eindeutig: Der frühere Berliner Finanzsenator Sarrazin, der erst vor fünf Monaten nach Frankfurt gewechselt war, ist aus seiner Sicht nicht mehr tragbar. Zwar habe sich der Vorstandskollege umgehend für seine diskriminierenden Äußerungen entschuldigt, so Weber.

Dennoch sei seiner Behörde, deren wichtigstes Kapital das Vertrauen der Bürger sei, ein "Reputationsschaden" entstanden. Jeder, der bei der Bundesbank beschäftigt sei, "vom Bargeldbearbeiter über den Chauffeur bis hinauf in die Spitze," müsse durch sein Verhalten dem hohen Ansehen der Institution Rechnung tragen. Wer gegen diesen Kodex verstoße, "muss mit sich selbst ins Gericht gehen".

Sarrazin hatte dem Kulturmagazin Lettre International ein langes Interview gegeben, in dem er über die Probleme der Stadt Berlin und die Mentalität ihrer Bewohner sprach. Die Hauptstadt sei geprägt vom "Westberliner Schlampfaktor" stand da zu lesen, der Intellekt, den die Stadt dringend brauche, müsse "importiert" werden.

Stattdessen werde die Bildungspopulation "von Generation zu Generation dümmer". Besonders groß seien die Defizite bei "Türken" und "Arabern", von denen ein großer Teil "weder integrationswillig noch integrationsfähig" sei. Auch die Medien schauten zu sehr auf die soziale Problematik. "Aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben", so der Ex-Senator.

Angesichts dieser Aussagen ist es besonders pikant, dass sich Weber ausgerechnet in Istanbul zur Affäre Sarrazin äußerte. Der Bundesbankchef nimmt in der türkischen Metropole an der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank teil. Auf den Kollegen angesprochen hatten ihn seine türkischen Gesprächspartner aber offenbar zunächst nicht.

Webers Ärger ist um so verständlicher, als er das Drama hatte kommen sehen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hatte er den Interview-Text vor dem Abdruck gelesen und Sarrazin dringend darum gebeten, einzelne Passagen zu ändern. Der Ex-Senator lehnte jedoch ab. Weber kann Sarrazin nicht entlassen, da die Bundesbank-Vorstände vom Bundespräsidenten ernannt werden. Die Frankfurter Behörde hatte sich vor einigen Wochen schon einmal von einem Interview ihres neuen Führungsmitglieds distanziert.

Sarrazin selbst hat immerhin Reue gezeigt und betont, er habe niemanden diskriminieren wollen und "nicht für die Bundesbank gesprochen". Für Weber, einen Mann der Zurückhaltung und der vornehmen Sitten, scheint das Maß dennoch voll zu sein.