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Bürgernahe EU:Vertrauen tropft nicht von Rettungsschirmen

Man sollte wieder einmal Joseph Roths "Radetzkymarsch" lesen. Im Vorwort zu seinem Roman führt der Herzenseuropäer Roth - geboren 1894 im galizischen Schtetl Brody, das zu Österreich-Ungarn gehörte, gestorben 1939 in Paris - bittere Klage über den Untergang des alten Europa: "Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland", so schrieb er, "die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen."

Wie frohgemut, wie euphorisch würde dieser Joseph Roth heute durch das neue Europa gehen! Aus Trauer über den Untergang des alten Europa hat er sich in den Alkohol geflüchtet, er ist im Kummer ersoffen. Heute würde er jubilieren in seinem Pariser Stammcafé, dem Café Tournon; er würde die europäische Geschichte vor Freude tanzen lassen und es wäre ihm schwindlig vor Glück, weil sein altes Europa ganz neu wieder auferstanden ist, größer, friedlicher und einiger denn je.

Gerettet werden keine Menschen - schon gar nicht in Griechenland

Die fünf Jahre seit der letzten Europa-Wahl waren die Jahre der Finanzkrise. Es waren dramatische Jahre. Davon ist im Europa-Wahlkampf 2014 aber wenig zu spüren, in Deutschland fast gar nichts. Dieser Wahlkampf läuft matt dahin. Die Krise sei überwunden, behauptet die Bundesregierung. Selbst in Griechenland gehe es wieder aufwärts und die Märkte hätten wieder Vertrauen. Es ist das alte Lied. Aber es geht nicht um das Vertrauen der Märkte, es geht um das Vertrauen der Menschen. Sie trauen diesen Erfolgsmeldungen nicht mehr, als sie den Rettungsschirmen getraut haben.

Die Rettungsschirme waren und sind unvorstellbar groß. Aber die Größe allein bringt es nicht. Die EU braucht das Vertrauen ihrer Bürger und dieses Vertrauen tropft nicht einfach von Rettungsschirmen herunter. Wie sehr das Vertrauen geschädigt ist, konnte man in den vergangenen Jahren in fast jeder Diskussion zu fast jedem Thema hören: Ob es um die verschimmelten Wände im Klo der Grundschule ging oder um die erbärmlichen Zustände im Altersheim - immer gab es wilden Beifall, wenn dann einer auf die Milliarden für die Banken hinwies und dann sagte: aber für die Kinder und die Alten fehlt das Geld. Rettungsschirme: Gerettet wurden und werden damit nicht Menschen, schon gar nicht in Griechenland. Die Schutzschirme sind für Banken und Euro aufgespannt worden. Gerettet wurden Schuldverhältnisse, Finanzbeziehungen, Machtgefüge, Wirtschaftssysteme; sie sollen überleben.