Brexit "Irrenhaus trifft es eigentlich ganz gut"

Afua Hirsch: "Sie dürfen die Boshaftigkeit in der Konservativen Partei nicht unterschätzen."

(Foto: Afuahirsch/CC BY-SA 4.0)

Die Autorin und Journalistin Afua Hirsch über den Brexit, die Boshaftigkeit in der Konservativen Partei und den zunehmenden Rassismus in Großbritannien.

Interview von Thorsten Schmitz

Die in Norwegen geborene Buchautorin, Journalistin und Anwältin Afua Hirsch, 37, schreibt Kolumnen, Essays und berichtet für verschiedene Fernsehsender aus aller Welt, vor allem über soziale Themen. Großbritannien ist Hirschs Wahlheimat, sie hat in Oxford studiert und lebt in London. Dennoch stellt man ihr bis heute die Frage: "Wo kommen Sie eigentlich her?", gerade in den vergangenen zwei Jahren, nachdem sich die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden hatten. Für die chaotischen politischen Zustände in ihrem Land macht Hirsch auch "eine nostalgische Beziehung zum britischen Imperium" verantwortlich.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Empfinden Sie Mitleid mit Theresa May?

Afua Hirsch: Sie hat die Aufgabe übernommen, die niemand übernehmen wollte, und sie agiert in ihrer stoischen, unnahbaren Art und Weise. Es bleibt mir rätselhaft, weshalb sie sich selbst diese Arbeit aufgebürdet hat. Mitleid? Nein, das empfinde ich nicht. May hat sich auch nicht immer ehrenvoll verhalten. Eher bin ich betrübt darüber, wie in Großbritannien seit dem Referendum in den letzten zweieinhalb Jahren Politik betrieben wird. Das ist alles sehr deprimierend.

Hat der Hass, dem Theresa May ausgesetzt ist, auch etwas damit zu tun, dass sie eine Frau ist?

Sie dürfen die Boshaftigkeit in der Konservativen Partei nicht unterschätzen. Die ist nicht nur für Frauen reserviert, die bekommen auch Männer zu spüren. Dennoch glaube ich sehr wohl, dass die aggressiven Angriffe auf May auch mit ihrem Geschlecht zu tun haben. Dahinter verbirgt sich auch ein Mangel an Respekt gegenüber Frauen, was ein weiterer, höchst unerfreulicher Aspekt dieser ganzen Kampagne ist.

Wie würden Sie Ihr Heimatland im Moment beschreiben?

Irrenhaus trifft es eigentlich ganz gut, wenn man verfolgt, wie die Brexit-Debatte von Fehlern, schlechtem Urteilsvermögen und internen Machtkämpfen von einer bestimmten Gruppe von Männern dominiert wird. Sie betreibt Politik am Rande des Abgrunds. Die Zukunft unseres Landes ist eine Geisel dieser Gruppe, die nur ihre eigenen Interessen verfolgt.

Weshalb wollen Konservative und Rechte in Großbritannien die EU verlassen?

Sie hegen eine nostalgische Beziehung zum britischen Imperium und haben schon immer gleichwertige Beziehungen zu EU-Mitgliedstaaten abgelehnt. Dahinter steht auch das Eingeständnis, dass unsere Rolle auf der politischen Weltbühne geringer geworden ist. Jahrhundertelang empfand sich das britische Königreich als Kolonialmacht anderen Nationen überlegen, jetzt sind wir das eben nicht mehr.

Sie haben für einen Verbleib in der EU gestimmt. Warum?

Als Britin mit afrikanischen Wurzeln bin ich keine fanatische Anhängerin der Europäischen Union. Die EU fördert mit ihren Gesetzen nicht nur die Landwirtschaft in Afrika, sondern sie schadet ihr auch. Dennoch schätze ich die EU und ihre Verfassungsorgane, weil sie mir Schutz gegen Diskriminierung garantieren, gerade angesichts der starken rechtsextremen Strömungen, die seit dem Brexit-Votum in Großbritannien grassieren.

In Ihrem Buch "Brit(ish)" schreiben Sie, Ihr Heimatland gab Ihnen immer das Gefühl, Sie gehörten nicht richtig dazu. Empfinden Sie noch immer so?

Seit dem Referendum vor zweieinhalb Jahren haben Ausländerhass und Rassismus ungeahnte Ausmaße angenommen. Sie sind allgegenwärtig. Als Britin mit afrikanischen Wurzeln habe ich nie eine andere Staatsangehörigkeit besessen, dennoch sind Menschen wie ich, die eine andere Hautfarbe haben, Anfeindungen ausgesetzt, die seit dem Referendum zugenommen haben. Auch wenn nicht alle, die für den Brexit votiert haben, Ausländer hassen.

Ist Ihnen selbst auch schon einmal etwas zugestoßen?

Am Tag nach dem Referendum bin ich in ein Taxi gestiegen, in Wimbledon, wo ich aufgewachsen bin und bis heute wohne. Der Fahrer sagte mir: Leute wie Sie werden ja dann bald nach Hause zurückgeschickt. Dahinter steckt der wahnsinnige Gedanke, Großbritannien wieder weiß zu machen. Das Brexit-Votum und die völlig aus dem Ruder gelaufene Debatte ermutigt Menschen, ihre Ansichten in der Öffentlichkeit ohne Scheu zu verbreiten. Sie fühlen sich legitimiert, so zu reden. Mich beängstigt das. Ich höre jetzt ausländerfeindliche, rassistische Ansichten, die ich noch nie zuvor in Großbritannien gehört habe.

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