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Brexit:Doppel-Schock

Will Boris Johnson den Schaden eines harten EU-Austritts unter dem noch größeren Corona-Schaden verstecken?

Von Alexander Mühlauer

So viel Dogmatismus herrscht in den Brexit-Verhandlungen, dass bislang jeglicher Kompromiss verhindert wurde. Beide Chefunterhändler bezichtigen sich, ideologiegetrieben aufzutreten. Beide werfen einander vor, kaum Räume für Lösungen zu öffnen. Beides ist wahr und genau so beabsichtigt - in London wie in Brüssel. Keine Seite will bisher von ihrer Position abweichen. Damit die Verhandler aus der Sackgasse kommen, braucht es einen politischen Impuls. Und der kann, wie schon beim Austrittsvertrag, nur von Boris Johnson kommen. Der Premierminister akzeptierte damals Kontrollen für den Warenverkehr zwischen Großbritannien und Nordirland.

Ob Johnson bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen erneut einlenkt, ist völlig offen. Anders als in Brüssel erwartet, hat die Corona-Krise nicht dazu geführt, dass London sanftere Töne anschlägt. Im Gegenteil: Der Brexit-Kurs ist noch kompromissloser geworden. Obwohl Großbritannien die tiefste Rezession seit mehr als 300 Jahren droht, will Johnson die Brexit-Übergangsphase, in der sich für Bürger und Unternehmen nichts ändert, auf keinen Fall über das Jahresende hinaus verlängern.

Der Premier tut so, als ob er nicht davor zurückschrecke, seinem Land einen doppelten Schock aufzubürden: Corona und Brexit. Eine harte Landung, im schlimmsten Fall ohne Handelsvertrag mit der EU, wird wahrscheinlicher. Johnson könnte nämlich versucht sein, den Schaden des Brexit unter dem weitaus größeren Schaden der Corona-Krise zu verbergen.

© SZ vom 06.06.2020

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