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Brandanschlag in Mecklenburg-Vorpommern:"Die Neonazis sind verzweifelt"

Staatsschutz ermittelt nach Scheunenbrand in Jamel

Birgit und Horst Lohmeyer vor den Resten der abgebrannten Scheune auf ihrem Forsthof in Jamel (Mecklenburg-Vorpommern).

(Foto: dpa)

Das Ehepaar Lohmeyer setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextreme zur Wehr. Nun wurde ihre Scheune angezündet. Also wegziehen? "Wir sind genau am richtigen Platz", sagt das Paar.

Von Yannick Nock

Als Birgit und Horst Lohmeyer vor elf Jahren nach Jamel zogen, ahnten sie nicht, was auf sie zukommen würde. Damals gab es einen Rechtsextremen in dem 35-Einwohner-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Heute wird das Dorf von Neonazis regelrecht beherrscht - und das Künstler-Ehepaar Lohmeyer ist zur Zielscheibe geworden. Einmal schlitzten Unbekannte einen Autoreifen auf, einmal lag eine tote Ratte in ihrem Briefkasten, auf ihrem Grundstück wurden Bäume angesägt. In der Nacht auf Donnerstag nun der vorläufige Höhepunkt: Ihre Scheune brannte komplett ab, alles deutet auf Brandstitung hin. Birgit Lohmeyer und ihr Mann stehen nun unter Polizeischutz.

SZ: Frau Lohmeyer, Sie und Ihr Mann sind seit Jahren rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt. Mit dem Brandanschlag haben die Angriffe nun eine neue Qualität bekommen. Wie gehen Sie damit um?

Birgit Lohmeyer: So wie wir es immer handhaben. Wir denken: "Jetzt erst recht". Der Brandanschlag ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie gefährlich die rechtsextreme Szene geworden ist. Erst brannten die Asylunterkünfte, jetzt brennen die Häuser der engagierten Bürger. Wir sind mit unserem Engagement hier in Jamel genau am richtigen Platz.

Sie stehen unter Polizeischutz.

Seit wir hier leben, fürchten wir um unsere Sicherheit. Die braune Szene hat uns seit längerem als Opfer ausgemacht. Das ist der Preis, den wir für unsere Anstrengungen zahlen.

Wäre der Wind anders gestanden, hätten die Flammen auf Ihr nur wenige Meter entferntes Wohnhaus übergreifen können. Wäre es da nicht menschlich, über einen Umzug nachzudenken?

Wir haben nie daran gedacht, wegzuziehen. Das sind wir den Menschen schuldig, die uns für unser Engagement loben, für die wir vielleicht auch ein Vorbild sind. Wir bleiben hier.

Die Polizei hat Spuren von Brandbeschleuniger gefunden. Was haben Sie an dem Abend beobachtet?

Ein Gast aus unserer Ferienwohnung, der noch spät draußen saß, um nach Sternschnuppen Ausschau zu halten, bemerkte die Flammen und schlug Alarm. Außerdem sah er eine dunkle Gestalt weglaufen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Tat?

Wir haben in Deutschland mittlerweile ein Klima, in dem solche Anschläge kein Tabu mehr sind. Es ist mir zuwider, mich in die Gedanken eines Rechtsextremen hineinzuversetzen. Aber der Anschlag zeigt: Die Neonazis sind verzweifelt. Sie setzen Menschenleben aufs Spiel. So kann es nicht weitergehen.

Welche Reaktionen haben Sie auf den Brandanschlag erhalten?

Wir sind gerührt über die Flut der Solidarität, die uns derzeit erreicht. Sie gibt uns das Gefühl, Deutschland steht hinter uns. Hunderte Mails mit Zuspruch, Aufheiterungen und Angebote für finanzielle Unterstützung sind schon bei uns angekommen. Die Brandstifter haben eine Welle losgetreten, die nun auf sie zurückschwappt.

Gab es auch Anfeindungen der Rechten?

Es gibt immer vereinzelte Hassmails, wenn die Medien über uns berichten. Von Rechten, Verwirrten oder Neidern, die es uns nicht gönnen, wenn wir für unser Engagement gelobt werden. Glücklicherweise halten sich solche Nachrichten dieses Mal in Grenzen. Die Solidarität überwiegt eindeutig.

Haben Sie es je bereut, 2004 aus Hamburg ins rechtsextreme Dorf Jamel gezogen zu sein?

Damals lebten die ganzen Nazis noch nicht hier, es gab nur einen. Wenn wir gewusst hätten, wie viele noch hierherziehen würden, hätten wir unser Haus nie gekauft. Aber bereut haben wir es nicht, weil wir durch diese Entwicklung eine Funktion übernommen haben, die wichtig für die Gesellschaft ist. Wir dürfen uns von Rechtsextremisten nicht einschüchtern lassen. Das ist natürlich nicht immer leicht, aber gerade wenn wir positive Zuschriften erhalten, gibt uns das viel Kraft.

2007 haben Sie als Zeichen gegen die rechte Szene das Musikfestival "Jamel rockt den Förster" für mehr Toleranz gegründet. Wird das Fest trotz des Brandes auch dieses Jahr stattfinden?

Ja, das steht außer Frage. Alles andere wäre ein falsches Zeichen.

Auf dem Festival wird Ihnen und Ihrem Mann Ende August der Georg-Leber-Preis für Zivilcourage überreicht. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Wir sind sehr froh über die Anerkennung. Vielleicht inspiriert unser Beispiel Menschen in ganz Deutschland. Der Preis beweist, dass es sich lohnt, Zivilcourage zu zeigen. Das meine ich nicht materiell, sondern vor allem ideell. Bürger, die noch zögern, sollten aufstehen und ihre Stimme gegen den Naziterror erheben. Mit ein bisschen mehr Zivilcourage ließen sich viele Probleme lösen.

© SZ.de/pamu

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