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Brasiliens Präsident:Bolsonaro beschimpft Medien in Video als "Lumpen"

Der TV-Sender Globo mache sein Leben zur Hölle, sagte der aufgebrachte brasilianische Präsident Bolsonaro in einem Live-Video auf Facebook.

(Foto: AFP)
  • Medienberichten zufolge soll Brasiliens Präsident Bolsonaro Kontakt haben zu einem der mutmaßlichen Mörder der Stadträtin Marielle Franco, die im März 2018 im Stadtzentrum von Rio de Janeiro auf offener Straße erschossen worden war.
  • Bolsonaro, damals Kongressabgeordneter, wies dies zurück; laut Parlamentsunterlagen war er an dem Tag in der Hauptstadt Brasilia.
  • Die Anschuldigungen scheinen den Präsidenten schwer getroffen zu haben.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es war kurz vor 4 Uhr Ortszeit am Mittwochmorgen, als Jair Bolsonaro begann, ein erbostes Live-Video ins Internet zu senden. Brasiliens Präsident befand sich da gerade auf Staatsbesuch auf der arabischen Halbinsel und eigentlich lief dort alles hervorragend. In den Vereinigten Emiraten hatte man ihm zu Ehren eine riesige Brasilienflagge auf einen Wolkenkratzer projiziert, es gab Treffen mit hochrangigen Regierungsmitgliedern und Investitionen wurden zugesagt. Bolsonaro postete das alles in den sozialen Netzwerken, eine einzige Erfolgsgeschichte.

Doch später in der Nacht setzte er sich im Hotel in Saudi-Arabien an seinen Schreibtisch, um in einem Facebook-Video seiner Wut Luft zu machen. Der Staatschef schimpfte wutentbrannt über "Schurken" und "Lumpen", denen es noch dazu an Patriotismus mangele.

Ein Mord, der Fragen aufwirft

Gemeint waren damit die Journalisten des TV-Senders "Globo". Sie hatten in einem Nachrichtenmagazin über direkte Verbindungen von Bolsonaro zum Mord an Marielle Franco berichtet. Der Fall hatte 2018 das Land erschüttert: Mitten im Stadtzentrum von Rio war die Stadträtin damals in ihrem Auto erschossen worden, elf Kugeln wurden abgefeuert, vier trafen sie, der Rest ihren Fahrer und ihre Assistentin, die nur knapp überlebte. Der Mord warf sofort Fragen auf: Franco war links, lesbisch, schwarz und in einer Favela aufgewachsen. Sie machte sich stark für die Menschen in den Armenvierteln und engagierte sich gegen die sogenannten Milizen, mafiöse Gruppen aus ehemaligen und noch aktiven Polizisten und Soldaten, die ganze Stadtteile in Rio unter ihrer Kontrolle haben.

Die Milizen sind verwickelt in alle möglichen illegalen Geschäfte, Franco störte sie wohl dabei, darum musste sie sterben. Sicher geklärt wurde das aber nie, von Anfang an stockten die Ermittlungen, weil Beamten Nachforschungen blockierten, Verdächtige wurden gewarnt, Zeugen eingeschüchtert. Anfang dieses Jahres wurden dann aber doch noch zwei Verdächtige festgenommen, aber auch wenn nun die mutmaßlichen Täter gefasst sind, die Auftraggeber des Mordes sind es nicht. Und hier stellen Ermittler und auch Journalisten zunehmen die Frage, welche Verbindungen es zwischen den Tätern und Präsident Bolsonaro sowie seinen Söhnen gibt.

So ist schon seit längerem bekannt, dass Flavio Bolsonaro, der älteste Sohn des Präsidenten, in seinem Abgeordnetenbüro die Mutter und Ehefrau eines der Hauptverdächtigen für den Mord an Franco angestellt haben soll. Kurz darauf kam heraus, dass ein weiterer Verdächtiger in der gleichen Wohnanlage wie die Bolsonaros lebte. Es gibt sogar Fotos, das die beiden Männer in freundlicher Umarmung zeigt und weitere Hinweise auf Verbindungen zwischen der Familie des Präsidenten und den Milizen.

Bolsonaro streitet alle Vorwürfe ab

Bolsonaro hatte dies alles stets als Zufall abgetan, nun aber berichteten die Journalisten von "Globo" über die Aussage des Pförtners der Wohnanlage. Einer der Verdächtigen soll kurz vor dem Mord versucht haben, Bolsonaro in dessen Wohnung zu besuchen. Eine Person, die sich dem Pförtner an der Gegensprechanlage als "Jair Bolsonaro" identifiziert hat, genehmigte den Einlass. Erstmals würde das eine direkte Verbindung zwischen dem Präsidenten und den Mördern belegen.

Bolsonaro jedoch streitet alle Vorwürfe ab. Tatsächlich scheinen Dokumente und sogar ein Video zu belegen, dass Brasiliens Präsident am fraglichen Tag in Brasilia weilte. Allerdings scheinen die neuen Anschuldigungen den Präsidenten schwer getroffen zu haben. So sehr, dass er sich eben zu jener Wut-Tirade am Schreibtisch in seinem Hotel in Saudi-Arabien veranlasst sah.

Er beschimpft darin nicht nur die Journalisten von Globo, er droht dem Sender auch damit, dessen Lizenz nicht zu verlängern. Bolsonaro redete sich immer mehr in Rage, über 20 Minuten dauert das Video, am Schluss scheint Brasiliens Präsident erschöpft, gesagt aber hatte er scheinbar noch nicht alles. Kurz nach der Veröffentlichung der Videobotschaft legte Bolsonaro nämlich noch nach und postete ein Bild im Netz. Man sieht darauf einen Abflusskanal, auf den das Logo des TV Senders Globo montiert wurde. Darüber steht "Canalhas", auf Deutsch so viel wie "Gesindel".

© SZ.de/saul/fie

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