BND öffnet Archiv für Historiker Reise in eine andere Galaxie

NS-Verstrickungen, Innenspionage und Ausforschungen von Parteien wie der SPD: Vier Historiker sollen die Frühgeschichte des Bundesnachrichtendiensts erforschen - erstmals gewährt der BND Einblick in sein Archiv.

Von Hans Leyendecker

Vier erfahrene deutsche Historiker haben von einer deutschen Behörde einen Studienauftrag bekommen, deren Geschichte zumindest teilweise zu erforschen, aber sie sprechen darüber wie über eine Reise in eine andere Galaxie: Einer redet von einem "Abenteuer", der andere von einer "Expedition" und der Chef der Behörde, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Ernst Uhrlau, sagt: "Wir öffnen ein Fass, von dem wir nicht wissen, was drin ist".

Der Eingang der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach bei München. Die neue Zentrale des BND in Berlin soll 2014 bezogen werden, dort werden dann auch die Archivalien gelagert.

(Foto: AP)

Das geheimnisvolle Fass ist das Archiv der Behörde; also normalerweise ein Ort der Ordnung. Vor allem mit Hilfe von Dokumenten sollen die Historiker Jost Dülffer (Uni Köln) Klaus-Dietmar Henke (Technische Universität Dresden), Wolfgang Krieger (Philips-Universität Marburg) und Rolf-Dieter Müller (Humboldt-Universität Berlin) in den kommenden vier Jahren die Zeit zwischen 1945 und 1968 aufarbeiten. Niemals zuvor hat der Dienst einen solchen Einblick erlaubt.

Die vierköpfige Historikerkommission soll von einer siebenköpfigen internen Forschungs- und Arbeitsgruppe des BND unterstützt werden, die sich "Geschichte des BND" nennt und von dem BND-Historiker Bodo Hechelhammer geleitet wird. Das Projekt ist mit dem Namen des Präsidenten verbunden - schon vor vier Jahren sagte Uhrlau, er sei "sehr dafür, Historikern zu geben, was möglich ist" und sie in die Geschichte des Dienstes "hineinschauen zu lassen".

1945-1968 - das waren vor allem die Jahre des großen Geheimnistuers Reinhard Gehlen, der sich selbst "Schöpfer" des Dienstes nannte. Geheimer Gottvater also. Nach dem Krieg hatte der chronisch misstrauische Wehrmachtsgeneral alte Kameraden in der Organisation Gehlen (ORG) um sich gesammelt, von denen viele vorher in der SS oder beim Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale des organisierten Völkermordes, im Einsatz gewesen waren.

Die ORG, die im Kalten Krieg zum Balg amerikanischer Dienste wurde, war dann der Vorläufer des 1956 gegründeten deutschen Auslandsdienstes. Merkwürdigerweise spionierte der auch im Inland, was illegal war, aber vom Kommunistenfresser Gehlen später als Erledigung "innenpolitischer Schutzaufgaben" umschrieben wurde. Als 1968 der Panzerschrank Gehlens ausgeräumt wurde, fanden sich Dossiers über 54 deutsche Politiker, etwa den späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann.