Blogger Raif Badawi Geschenk für einen Ausgepeitschten

Ensaf Haidar, die Frau des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi

(Foto: Thorsten Denkler)

Seit 2012 sitzt der Blogger Raif Badawi in einem saudischen Gefängnis. 50 Peitschenhiebe musste er erdulden. In Berlin stellt seine Frau Ensaf Haidar eine Überraschung für ihn vor. Er soll erst davon erfahren, wenn er freikommt.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Ein bis zwei Mal in der Woche kann sie mit ihrem Mann telefonieren. Aber Ensaf Haidar hat ihm noch nichts davon erzählt, dass sie seinen großen Traum an diesem Freitag wahrgemacht hat. Den großen Traum von einer Raif-Badawi-Stiftung für die Freiheit.

Ihr Mann, der Blogger Raif Badawi, sitzt seit Juni 2012 in Saudi-Arabien im Gefängnis. 2013 hat ihn ein Gericht wegen "Abfall vom Glauben" verurteilt. Das erste Strafmaß: sieben Jahre Haft und 600 Peitschenhiebe. Seit 2014 hat ein Gericht die Strafe noch erhöht. Wegen angeblicher Beleidung des Islam soll er auf 20 Wochen verteilt 1000 Peitschenhiebe bekommen, zehn Jahre in Haft sitzen und zusätzlich umgerechnet rund 200 000 Euro bezahlen.

Sein wahres Vergehen: Badawi hat in seinem Blog "Freie Saudische Liberale" die engen Grenzen der saudischen Pressefreiheit ausgelotet. Und mit seinen Texten über Politik und Religion überschritten. Das saudische Regime reagiert zunächst mit den üblichen Repressalien: Ihm wird ein Reiseverbot auferlegt, seine Konten werden eingefroren. Badawi macht weiter.

Die Tortur beginnt am 9. Januar 2015. Er muss 50 Hiebe innerhalb weniger Tage ertragen. Sie verletzten ihn so schwer, dass ein Gefängnismediziner weitere Hiebe vorerst untersagt. Das gilt bis heute. "Aber die Auspeitschungen drohen weiterhin" sagt seine Frau Ensaf Haidar.

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1000 Peitschenhiebe, zehn Jahre Gefängnis und 275 000 Euro Strafe. Ein Gericht in Saudi-Arabien bestätigt die harte Strafe gegen den liberalen Blogger Raif Badawi. Es ist die letzte Instanz.

Haidar sitzt in einem Konferenzraum im ersten Stock der Deutschen Welle in Berlin. Neben ihr der Intendant der Welle, Peter Limburg. Auf der anderen Seite Olaf Kellerhof von der Friedrich-Naumann-Stiftung, die Haidars Stiftung auch finanziell unterstützt und begleitet. Zwei Hünen im Vergleich zu der zierlichen Ensaf Haidar.

Alles erzählt sie ihrem Mann, berichtet sie. Alles, was ihn motivieren kann, weiterzumachen, zu überleben. Wenn er wieder Preise bekommt. Wenn neue Unterstützer auftreten. Wenn sich Regierungen für ihn einsetzten. Nur von der Stiftung, die seinen Namen trägt, von der hat sie ihm noch nichts erzählt. "Das soll eine Überraschung sein, wenn er freikommt", sagt sie. Sie hofft, dass das bald geschieht.

Die Stiftung ist seit diesem Freitag in Kanada in das Stiftungsregister eingetragen. Dort , in der Provinz Québec, lebt Haidar mit den drei gemeinsamen Kindern. Von dort koordiniert sie ihren Kampf für die Freilassung ihres Mannes.

Die Stiftung geht darüber hinaus. Sie soll Presse- und Meinungsfreiheit in der arabischen Welt fördern. Blogger und Journalisten sollen hier Beratung und Unterstützung finden. Sie soll eine Stimme der Freiheit in der arabischen Welt sein. So wie es sich Raif Badawi gewünscht hat.

Noch ist alles am Anfang. Geldgeber werden gesucht. Über Crowdfounding soll die Arbeit abgesichert werden. Haidar und drei andere Mitstreiter werden die Stiftung leiten. Aus Deutschland unterstützt neben der Deutschen Welle und der Naumann-Stiftung auch die deutsche Sektion des Autorenverbandes PEN das Projekt. Als Ehrenmitglieder werden Bischof Desmond Tutu und der Schriftsteller Salman Rushdie geführt.

Es ist zwar eher Zufall, dass die formelle Gründung der Stiftung in die Zeit einer Europareise von Haidar fällt. Sie kommt gerade von einer Preisverleihung aus Straßburg. Aber es scheint eine besondere Bindung zu Deutschland zu geben. Die Unterstützung sei hier immer besonders groß gewesen, sagt Haidar. Die Regierung habe sich von "Anfang an für ihn eingesetzt".

Die umstrittenen deutschen Waffenexporte nach Saudi-Arabien sind nicht ihr Thema. Aber wenn sie sich was wünschen darf, dann etwas mehr konkrete Initiative für ihren Mann. "Deutschland könnte meinem Mann Asyl anbieten. Oder die deutsche Staatsbürgerschaft."

Haidar will einzig ihren Mann befreien. Seit vier Jahren hat der seine Kinder nicht gesehen. "Es geht ihm gesundheitlich und psychisch sehr schlecht", berichtet sie.

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Haidar vermeidet es, sich konkret zur politischen Situation in Saudi-Arabien zu äußern. Möglich, dass sie ihren Mann nicht weiter in Gefahr bringen will. Eine Stiftung, die seinen Namen trägt, dürfte Provokation genug sein. Sie wird dennoch helfen. Wenn auch nur dabei, dass das Schicksal von Raif Badawi nicht in Vergessenheit gerät.