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Antisemitismus:"Ich bin gekommen, um zu bleiben"

Berlin Europaeische Rabbinerkonferenz Europaeische Rabbinerkonferenz in Berlin Vom 29 Februar bis

"Ich bin vor 23 Jahren nach Berlin gekommen. Und ich bin gekommen, um zu bleiben." Rabbi Yehuda Teichtal vor dem Brandenburger Tor 2016.

(Foto: Christian Ditsch/imago)

Vergangene Woche wurde Rabbi Yehuda Teichtal in Berlin bespuckt. Er spricht darüber, wie sich jüdisches Leben in Deutschland verändert hat. Und er sagt, warum er trotz des Angriffs Optimist bleibt.

Yehuda Teichtal, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hatte gerade einen Gottesdienst in einer Berliner Synagoge geleitet, als ihn am vergangenen Wochenende zwei Männer attackierten. Aus einem Mehrfamilienhaus heraus bespuckten sie den Rabbiner, der in Begleitung seines Kindes war. Eine knappe Woche nach dem Angriff stehen Blumen in seinem Büro in Berlin-Wilmersdorf, das Telefon klingelt unentwegt, es kommen Besucher aus Politik und Gesellschaft, die ihm ihr Mitgefühl aussprechen wollen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs sucht die Polizei noch nach den Tätern.

SZ: Herr Rabbiner Teichtal, wie geht es Ihnen?

Teichtal: Ich will nichts schönreden. Das war eine furchtbare Situation, die ich niemandem wünsche. Aber auf der anderen Seite bin ich Optimist. Ich bin überzeugt, dass die Polizei die Täter überführen wird. Und ich finde es wichtig, das Negative ins Positive umzuwandeln. Wissen Sie, ich bin vor 23 Jahren mit einem One-Way-Ticket aus New York nach Berlin gekommen. Es war die Inspiration des Rebben (Jiddisch für Rabbiner; Anm. d. Red.). Und ich bin gekommen, um zu bleiben.

Die Entscheidung ist mir anfangs nicht leicht gefallen. Mein Urgroßvater war in Auschwitz und wurde im Holocaust ermordet, mein Großvater hat den Holocaust überlebt. Aber der große Rabbiner Menachem Mendel Schneerson hat damals gesagt: Wir dürfen Deutschland nicht aufgeben. Wir müssen Dunkelheit mit Licht bekämpfen. Also bin ich nach Deutschland gezogen und bin nach wie vor überzeugt: Das Licht ist immer stärker als die Dunkelheit. Es braucht eben manchmal etwas Zeit, bis das Gute gewinnt.

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Yehuda Teichtal hatte zuvor in einer Synagoge einen Gottesdienst gegeben. Der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe fordert den Einsatz von Zivilpolizisten.

Wie hat sich das jüdische Leben seitdem verändert?

Das jüdische Leben in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten aufgeblüht, immer mehr jüdische Menschen kamen hierher, und sie wollen hier ihren Glauben leben. Dass wir jedes Jahr am Brandenburger Tor den Chanukka-Leuchter anzünden - das ist doch großartig. Hier in Berlin bauen wir gerade einen Jüdischen Campus mit einer Kita, mit Schulen, mit einer Kultur- und Begegnungsstätte, der ein religionsübergreifender Ort sein wird.

In jüngster Zeit häufen sich antisemitische Übergriffe, viele Juden zweifeln, ob sie in Deutschland noch einen Platz haben ...

Das stimmt und das möchte ich gar nicht bestreiten. Es ist schlimm, wenn jüdische Menschen mitten in Berlin attackiert werden, wo sie wohnen, einkaufen und zur Schule gehen. Es ist schlimm, wenn Mütter mir erzählen, dass sie Angst haben, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Dennoch glaube ich fest daran, dass der Großteil der Menschen hier tolerant ist. Damit der Hass nicht gewinnt, müssen wir allerdings alle aufstehen, zusammenhalten und füreinander einstehen.

Wie kann das aussehen?

Ich habe mich nach der Attacke auf mich sehr über die große Anteilnahme und die Betroffenheit gefreut. Mich erreichten Briefe von Politikern, Geistlichen und Bürgern. Aber das reicht nicht. Die Menschen müssen jeden Tag Zivilcourage zeigen, zeigen, dass sie es nicht dulden, wenn andere Menschen angegriffen werden. Und die politische Führung muss in Erziehung, Bildung und Sensibilisierung investieren.

Was bedeutet das konkret?

Zum Beispiel gibt es immer wieder Antisemitismus an Schulen. Viele Lehrer wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, sie reagieren hilflos, wenn Eltern sich beschweren. Sie muss man weiterbilden. Außerdem muss Toleranz eine große Rolle in der Erziehung unserer Kinder spielen.

Was raten Sie Juden, die sich vor Angriffen fürchten, sie vielleicht sogar schon erlebt haben?

Wenn zum Beispiel ein Kind in der Schule antisemitisch beleidigt wird, dann rate ich den Eltern immer: Auf keinen Fall schweigen! Sprechen Sie mit der Schule, mit den Behörden. Diese Fälle sind sehr unterschiedlich, manchmal kann ein Gespräch in der Klasse schon helfen, manchmal braucht es mehr.

Einige raten Juden, sich in der Öffentlichkeit nicht mehr zu erkennen zu geben, zum Beispiel keine Kippa mehr zu tragen ...

Das finde ich grundfalsch! Wir dürfen uns nicht verstecken, wir müssen stolz sein und unsere Hand ausstrecken: Hier sind wir, wir gehen nicht mehr weg, wir gehören dazu. Wir müssen alle in den Dialog treten, weil wir eine Gesellschaft sind. Das ist auch der Hintergrund des Jüdischen Campus, der für alle offen sein soll.

Die Männer, die Sie angegriffen haben, sprachen Arabisch. Tritt Antisemitismus in bestimmten Gesellschaftsgruppen besonders häufig auf?

Antisemitismus ist ein Gift, das es in allen Teilen der Gesellschaft gibt. Es gibt rechten Antisemitismus, linken Antisemitismus, muslimischen Antisemitismus. Aber ich will auch eines nicht verschweigen: Ich bin als Rabbiner häufig Ansprechpartner für Opfer. Dabei stelle ich fest, dass in Berlin in der letzten Zeit dem Gefühl der Betroffenen nach die Täter überproportional häufig einen ähnlichen Hintergrund zu haben scheinen, wie die Männer, die mich angegriffen haben.

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Ich glaube, dass die große Anzahl der Muslime tolerant ist. Sie müssen wir ebenso wie jeden anderen dazu bewegen, aufzustehen, einzustehen für Toleranz und Demokratie, gerade in Deutschland mit seiner dunklen Geschichte. Neulich traf ich eine gerade angekommene junge Geflüchtete, die mir sagte: Ich bin keine Deutsche, ich habe keine Schuld am Holocaust - was habe ich mit Antisemitismus zu tun? Dieser habe ich geantwortet: Schuld am Holocaust hat auch kein Deutscher deiner Generation mehr. Aber eine Verantwortung, die Demokratie zu verteidigen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Diese besondere Verantwortung haben wir alle. Deutschland muss ein Leuchtturm für Respekt und Toleranz sein.

Und denjenigen, die tatsächlich mit antisemitischen Einstellungen im Kopf hierherkommen, müssen wir klarmachen, dass Antisemitismus hier keinen Platz hat. Wir müssen ihnen sagen: In einer Gesellschaft, die Hass auf Juden zulässt, ist niemand sicher. Heute trifft es die Juden, morgen vielleicht schon dich. Diese Attacke war an alle Menschen gerichtet, die Demokratie wertschätzen. Wir werden die Dunkelheit mit Licht bekämpfen!

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