bedeckt München 14°

Berlin: Mai-Demonstrationen:Farbeier an der Fensterscheibe

Auf dem Demonstrations-Wagen tritt derweil eine Frau ans Mikrofon und referiert die Geschichte der Protestbewegung. Der monotone Klang ihrer Stimme scheint sogar die Damen und Herren im schwarzen Block zu langweilen, die dicht gedrängt hinter einem Transparent neben dem Wagen stehen. Unruhig treten sie von einem Fuß auf den anderen, schieben ihre Sonnenbrillen und schwarzen Kapuzen zurecht. Vom Cafe am Straßenrand ruft ein Mann hinüber: "Wat soll das Gerede. Wo bleibt die Musik?"

Kreuzberg Marks May Day

Bester Stimmung zeigten sich die meisten Teilnehmer der Mai-Demonstrationen in Berlin-Kreuzberg am Nachmittag.

(Foto: Getty Images)

Am Abend kippt die Stimmung

Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Begleitet von zahlreichen Polizeiwagen und Trupps von Beamten ziehen die Demonstranten durch Neukölln, nach Angaben der Polizei sind es etwa 18.000 Menschen. Gegen 20 Uhr kippt die Stimmung. Der größte Teil bleibt zwar weiterhin friedlich, doch einige Demonstranten beginnen Steine und Flaschen zu werfen. An der Karl-Marx-Alle schmeißen sie die Fensterscheiben einer Volksbank-Filiale ein. Kurze Zeit später kommt es zu einem Gerangel auf der Straße, Trupps von Polizisten eilen den Demonstrationszug entlang.

Einige Beamte nehmen einen jungen Mann fest und drücken ihn gegen eine Fensterscheibe, hinter der sich ein Dönerspieß dreht. Drinnen, in dem kleinen Imbiss herrscht Hochbetrieb, demonstrieren macht hungrig. Ein junger Mann mit blutender Nase stürmt herein, bittet um Servietten und eilt wieder hinaus. Ein Farbei klatscht gegen die Fensterscheibe, und läuft über das Glas, es sollte wohl einen der Polizisten treffen, die sich am Bürgersteig aufgestellt haben.

Ungerührte Passanten

Die beiden Männer hinter dem Tresen beobachten das Geschehen vor der offenen Tür und der Fensterscheibe so unbeeindruckt, als würden sie dem Regen zuschauen.

Draußen fährt ein Wagen mit Lautsprechern vorbei, der Veranstalter habe die Demonstration beendet, der Grund seien "massive Übergriffe durch die Polizei", ertönt eine Stimme. Eigentlich hätte es noch eine Abschlusskundgebung am Südkreuz geben sollen, doch die fällt nun aus. Die Polizei hat einige Seitenstraßen abgeriegelt. Ein Rollstuhlfahrer will die Demonstration verlassen und bittet die Polizisten ihn durchzulassen, doch sie schütteln den Kopf.

Langsam löst sich der Demonstrationszug auf, doch auch in den nächsten Stunden sind in Kreuzberg und Neukölln immer noch viele Menschen auf den Straßen. An einigen Orten fliegen weitere Steine und Flaschen, die Polizei setzt Tränengas ein und nimmt Demonstranten fest.

In einer ruhigen Seitenstraße in Neukölln halten Polizisten eine Gruppe von 16 Leuten an, die lachend über den Bürgersteig laufen. Eine halbe Stunden werden sie an der Straßenecke festgehalten. "Wir machen Personenkontrollen", erklärt einer der Polizisten. "Alle größeren Gruppen werden überprüft, um marodierende Gruppen in der Stadt aufzuhalten."

Nach Angaben der Polizei sind um Mitternacht noch 7000 Menschen in Neukölln und Kreuzberg unterwegs. "Von Krawallen oder Ausschreitungen kann jedoch keine Rede sein, sagt ein Sprecher der Polizei sueddeutsche.de um Mitternacht.

© sueddeutsche.de/dd

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite