bedeckt München 23°
vgwortpixel

Basistunnel:Meisterleistung der Schweiz, Dienst an der Natur

Die Schweizer, die sich gerne kleinmachen, an dieser Kleinheit aber auch notorisch leiden, dürfen mächtig stolz auf sich sein. Wie haben sie das geschafft? Geholfen hat sicher der Handlungszwang, unter dem das Land steht. Die Schweiz liegt nun einmal mitten in Europa, auf der wichtigen Nord-Süd-Achse in Verlängerung des Rheins.

Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts ging die Angst um, das empfindliche Alpengebiet könnte von Lastwagen schlicht überrollt werden. Nach komplizierten Gesprächen mit der EU bestand die Lösung darin, dem durchreisenden Schwerverkehr eine umfassende Abgabe aufzuerlegen. Das Geld floss in einen Fonds, der, unberührt von den Unwägbarkeiten des Haushalts, einen großen Teil der Finanzierung des Tunnels deckte.

360° Gotthard-Tunnel Gotthard-Basistunnel: Was die Deutschen von den Schweizern lernen können
360° Gotthard-Basistunnel
Schweiz

Gotthard-Basistunnel: Was die Deutschen von den Schweizern lernen können

Deutschland hat den BER immer noch nicht, die Schweiz bald die längste und tiefste Röhre der Welt. Sie ist nicht nur ein umjubeltes Meisterwerk der Ingenieure, sondern auch eines der Demokratie.   Von Charlotte Theile, Zürich

Die Bürger wurden, wie üblich in der Schweiz bei solchen Projekten, frühzeitig ins Boot geholt. Sie durften mitreden, mitentscheiden, und sie stimmten den Plänen umso bereitwilliger zu, als es nicht nur um den Schutz ihrer Alpen ging, sondern um die Durchbohrung, die Bezwingung eines großen Mythos.

Der Gotthard, dieses unwirtlich-graue Ensemble aus Gneis und Granit, Wasser- und Wetterscheide zwischen Nord und Süd, Trenn- und Verbindungslinie mehrerer Sprachen und Kulturen, symbolisiert letztlich auch die Schweiz als Ganzes. Hier liegt einer der Kraftorte Europas.

Bahnausbau mit Geld und Liebe

Wobei der bedingungslose Ausbau von Infrastruktur gerade nicht die Sache der Schweizer ist. Mit ihrer Verkehrspolitik versuchen sie, Mensch und Natur in Einklang zu halten. Etwa, indem sie den Individualverkehr zurückdrängen. In Städten wie Zürich ist das eigene Auto inzwischen mehr Qual als Lust, also lassen die meisten es weg.

In ihre Bahn wiederum investieren die Schweizer sehr viel Geld und Liebe; nirgends sonst wird dieses Verkehrsmittel, dessen Fahrpläne bis ins letzte Bergdorf perfekt ineinandergreifen, so intensiv genutzt. Mit riesigem Aufwand wurde die Strecke zwischen Zürich und Bern vor Jahren um 13 Minuten verkürzt, um sie endlich genau in den Stundentakt einzupassen. Heute nimmt kein Pendler mehr freiwillig das Auto für diesen Weg.

Hoffentlich gelang es den Schweizern, den zur Eröffnung geladenen europäischen Staatsleuten ein wenig von der Klugheit und der Bürgernähe zu vermitteln, mit der sie solche Projekte angehen. Oder wäre in Deutschland oder Frankreich jemand auf die Idee gekommen, in die ersten beiden Züge, die durch den neuen Tunnel fuhren, ganz einfache Menschen zu setzen, keine Politiker, keine Honoratioren?