Bangladesch:Duell zweier Frauen

Sheikh Hasina und Khaleda Zia

Beide sind sie durch den Tod eines Mannes an die Macht gekommen, beide suchen sie Vergeltung: Oppositionsführerin Khaleda Zia (links) und Premierministerin Sheikh Hasina

(Foto: AFP)
  • In Bangladesch häufen sich Anschläge mit Benzinbomben. Mehr als tausend Menschen wurden bereits verletzt, mindestens 65 starben.
  • Die Attacken werden mit einer erbitterten politischen Auseinandersetzung in Zusammenhang gebracht - auch wenn sich niemand offiziell dazu bekennt.
  • Seit Jahrzehnten bekämpfen sich die säkulare Awami-Liga und die Bangladesh Nationalist Party.
  • Aktuell kommt eine persönliche Fehde der Parteichefinnen dazu. Premierministerin Sheikh Hasina und Oppositionsführerin Khaleda Zia kämpfen erbittert um die Macht.

Von Arne Perras, Dhaka

Die Überlebenden liegen oben im dritten Stock. Pritsche an Pritsche. Wie in einem Feldlazarett. Ganz vorne an der Tür starrt ein junger Mann an die Decke. Sein Oberkörper ist nackt. Vom Bauchnabel bis zu den Zehen ist er in einen weißen Verband gewickelt. Ärztin Zaman Humayra beugt sich ganz weit zu ihm hinunter, um zu verstehen, was er flüstert.

Alle hier sind vollgepumpt mit Schmerzmitteln, nur manchmal ist ein leises Stöhnen zu vernehmen, ansonsten liegt Stille über dem Saal. Aber die plastische Chirurgin hat die Schreie nicht vergessen. Jede Minute können weitere Brandopfer gebracht werden. Mal seien es fünf, mal acht, sagt sie. Pro Tag. Einmal trugen Helfer 29 Verletzte hintereinander herein.

Seit die Brandattacken vor zwei Monaten begannen, hat die 34-jährige Ärztin kaum Schlaf gefunden. Und ihre Patienten sowieso nicht. Der Schwerverletzte an der Tür heißt Zilkod. Er ist 18. Neben ihm steht schweigend seine Mutter Shanaz, die wie ihr Sohn nur einen Namen trägt. Sie betet zu Gott und hofft, dass die Spezialisten am Dhaka Medical College Hospital ihren Sohn noch durchbringen werden.

Beide Parteien weisen sich die Schuld an den Brandbomben zu

Das Teuflische ist: Es kann jeden treffen, überall, zu jeder Zeit. Denn die Täter scheinen wahllos zuzuschlagen. Wer immer sich hinauswagt auf die Straße, riskiert in diesen Tagen, Opfer eines Brandanschlags zu werden. Weit mehr als tausend Menschen wurden durch Benzinbomben bereits verletzt. Mindestens 65 sind bei den Attacken schon gestorben. Die Menschen sind einer perversen Lotterie der Gewalt ausgesetzt. Der Alltag geht weiter, aber eine diffuse Angst hat sich in den Köpfen eingenistet, weil niemand sicher ist.

Die Brandbomben fliegen in einer Zeit, in der das Oppositionslager versucht, die Regierung durch Straßenblockaden und Generalstreiks zu Neuwahlen zu zwingen. Das hat wenig Aussicht auf Erfolg, denn Premierministerin Sheikh Hasina greift, wie auch früher schon, mit aller Härte durch. Sie lässt Oppositionelle und Aktivisten verhaften, bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten sterben immer wieder Menschen. Zur brutalen Gewalt der Benzinbomber aber bekennt sich niemand. Stattdessen schieben sich die beiden Parteien, die Bangladesch seit Jahrzehnten im Wechsel beherrschen, die Schuld gegenseitig zu.

Bangladesch: Oppositionsführerin Khaleda Zia, 69, wirft der Premierministerin Sheikh Hasina vor, die jüngste Welle der Gewalt im Land angefacht zu haben.

Oppositionsführerin Khaleda Zia, 69, wirft der Premierministerin Sheikh Hasina vor, die jüngste Welle der Gewalt im Land angefacht zu haben.

(Foto: Munir Uz Zaman/AFP)

Die Geburt des Staates Bangladesch war blutig

Politische Gewalt ist den Menschen hier nicht fremd. Einst gehörte das überwiegend von Bengalen bevölkerte Ganges-Delta zu Britisch-Indien. Als die Kolonialherren 1947 abzogen, wurde ein Teil des Gebietes dem neuen Staat Pakistan als östliche Provinz zugeschlagen, weil dort, wie auch im Westen, mehrheitlich Muslime lebten. Viele zweifelten, dass die Religion als Klammer ausreichen würde, um ein so künstliches Gebilde, verteilt auf die Flanken Indiens, zusammenzuhalten. Und so brach bald auseinander, was nie zusammengehörte. 1971 löste sich der Osten Pakistans im Krieg vom Westen. Die Geburt des Staates Bangladesch war blutig.

Die Awami League kämpfte für die Loslösung und siegte mit Hilfe Indiens. Doch es gab auch Kräfte, die zu Pakistan hielten und das mit aller Brutalität durchsetzen wollten. Zahlreiche Anführer dieser Gruppen wurden kürzlich von einem Kriegsverbrechertribunal zum Tode verurteilt. Menschenrechtler begrüßten zwar den Versuch, Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber sie beklagten zugleich, dass mutmaßliche Täter keinen fairen Prozess bekamen. So nährt das historische Erbe der Spaltung bis heute die Konflikte im Land.

Es ist auch eine persönliche Fehde zweier mächtiger Frauen

Am schärfsten scheint der Hass ganz oben zu sein, wo sich die Chefinnen zweier Parteien belauern. Beide Frauen haben das Land schon mehrmals regiert. Zurzeit ist es Sheikh Hasina, die mit ihrer säkularen Awami League herrscht. Ihre Rivalin Khaleda Zia hat die umstrittenen Wahlen vor einem Jahr boykottiert. Sie ruft mit ihrer Bangladesh Nationalist Party (BNP) zur landesweiten Verkehrsblockade auf.

Bangladesch: Sheikh Hasina regiert in Bangladesch mit ihrer säkularen Awami League.

Sheikh Hasina regiert in Bangladesch mit ihrer säkularen Awami League.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Es ist eine sehr persönliche Fehde: Hasinas Vater, der einst den Unabhängigkeitskampf führte, wurde 1975 ermordet. Später dann kam der Mann von Khaleda Zia ums Leben, der die rivalisierende BNP gegründet hatte. Beide Frauen glauben, dass jeweils das Lager der anderen in die Attentate verwickelt war. Die Ermordung der Männer katapultierte die Frauen an die Macht. Das war kein Zeichen für mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern, sondern entsprang allein dynastischem Denken.

So regierte in Indien einst Indira Gandhi, in Pakistan war es Benazir Bhutto. Und in Dhaka belauern sich zwei Frauen, die es nicht einmal schaffen, ein vernünftiges Telefongespräch miteinander zu führen. "Der persönliche Zwist macht 90 Prozent des ganzen Problems aus", sagt Shahidul Alam, Kommunikationswissenschaftler an der Independent University. "Ohne Dialog kommt man in einer Demokratie aber nicht weiter." Im Schatten des Dauerduells versucht der radikale Islamismus, seinen Einfluss auszuweiten. Ende Februar haben Fanatiker den säkularen Blogger Avijit Roy niedergemetzelt, auf offener Straße. Der Schock sitzt tief bei vielen Menschen, die einem toleranten Sufi-Islam folgen und radikale Strömungen ablehnen.

Die Feuerteufel lauern, irgendwo den nächsten Bus anzuzünden

Der Streit um die Benzinbomben geht unterdessen weiter. Befehlsketten sind kaum nachweisbar. Die Regierung wird jedoch nicht müde, die Opposition anzuprangern. BNP-Chefin Zia müsse dafür bestraft werden, klagt Hasina. Tatsächlich fällt es der BNP und ihrem islamistischen Bündnispartner Jamaat-e-Islami auch schwer, sich von den Anschlägen glaubhaft zu distanzieren. Denn für viele sieht es so aus, als sollten die Attacken nachhelfen, die Verkehrsblockade durchzusetzen.

Gegen Zia gibt es inzwischen einen Haftbefehl wegen alter Korruptionsvorwürfe. Sie lebt seit Wochen nur noch in ihrem Büro, umlagert von Polizisten, und kommt nicht mehr heraus. Aber die Sicherheitskräfte holen sie auch nicht. Offenkundig zögert die 67-jährige Hasina, ihre zwei Jahre ältere Rivalin hinter Gitter zu bringen, weil das als politische Hetzjagd gedeutet werden könnte. Während die beiden Frauen unfähig sind, ihre Fehde zu beenden, wüten die Feuerteufel auf den Straßen weiter.

Sie lauern darauf, irgendwo den nächsten Bus anzuzünden. Und alle, die morgens zur Arbeit müssen, hoffen, dass sie auch diesen Tag wieder unverletzt überstehen.

Alle schliefen - bis die Benzinbombe durchs Fenster flog

Das dachte auch der Reisbauer Zilkod, als er am Abend des 2. Februar in den Bus stieg. Er hatte ein paar Tage mit Freunden am Strand verbracht. Vom Meer fuhr er abends nach Hause. Alle schliefen. Bis die Benzinbombe durchs Fenster flog. Das war morgens um halb vier. Blitzschnell fraßen sich die Flammen voran. Zilkod schreckte hoch, konnte noch ein Fenster einschlagen und springen. Jemand muss ihn gelöscht haben, er erinnert sich kaum. Für acht Insassen kam jede Hilfe zu spät.

Zilkod lebt. Aber es wird nie mehr so sein wie früher. Die Ärztin Humayra wollte ihm nicht verschweigen, was er schon ahnte. "Aber sagen sie es einem Menschen, der gerade noch munter in die Zukunft blickte?" Sie weiß, dass es dafür die richtigen Worte nicht gibt. Der junge Mann kann nie mehr eigene Kinder haben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema