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Bangladesch:Angst vor den Macheten

Brutale Mordfälle schrecken das Land auf. Auch liberale Intellektuelle, die sich öffentlich gar nicht zur Religion äußern, werden jetzt Opfer von Islamisten. Es wächst der Unmut darüber, dass der Staat seine Bürger nicht schützen kann.

Von Arne Perras, Singapur

Ein spontaner Gewaltausbruch sieht anders aus. Die Angreifer hatten ihre Opfer mehrere Tage lang ausspioniert. Die Tat war sorgfältig geplant, wie Polizeichef Shaidul Haque in Dhaka erklärte. Bislang unbekannte Täter haben den Aktivisten und Herausgeber eines Homosexuellen-Magazins, Xulhay Mannan, und dessen Freund, Tanay Mojumdar, getötet. Der Doppelmord in Bangladesch ist die vorerst letzte Bluttat in einer langen Kette brutaler Attacken, deren Drahtzieher im Lager islamistischer Terroristen vermutet werden.

Fast immer setzen die Täter Macheten oder Fleischermesser ein, um ihre Opfer zu ermorden, sie werden zu Tode gehackt. Erst am Wochenende hatten Angreifer dem Englisch-Professor Rezaul Karim Siddique auf dem Weg zur Universität in der Nähe seines Hauses aufgelauert. Mit drei Machetenhieben ins Genick streckten sie ihn nieder. Auch den beiden Aktivisten fügten die Angreifer tödliche Kopfverletzungen zu, nachdem sie sich als Briefträger ausgegeben und Zugang zur Wohnung erlangt hatten. Nachbarn sahen sechs Männer, sie hörten sie später "Allahu Akbar" rufen, als sie flüchteten.

Mannan hatte auch für die amerikanische Entwicklungshilfeagentur Usaid gearbeitet. Bislang zielten die Täter vor allem auf säkulare Blogger, die sich kritisch über Religion und deren Radikalisierung geäußert hatten. Allein im vergangenen Jahr starben aus diesem Kreis fünf Menschen. Zur Attacke auf den Professor hatte sich am Wochenende angeblich der sogenannte Islamische Staat (IS) bekannt, doch die Hinweise gelten nicht als gesichert. Die Regierung weist diese Verbindung zurück.

In einem Tweet behauptete die lokale Terrorgruppe Ansar al-Islam, sie habe die beiden Aktivisten getötet. Früher hatte sie sich bereits zu mehreren Anschlägen auf Blogger bekannt. Ob diese Kräfte mit dem IS vernetzt sind, blieb unklar. Auch angebliche Verbindungen zu al-Qaida wurden immer wieder angezweifelt. Die Regierung beharrt darauf, dass international operierende Terrorgruppen keine Stützpunkte in ihrem Land hätten.

Zugleich aber fällt Analysten auf, dass neben den Bloggern immer mehr Intellektuelle und Angehörige von Minderheiten um ihr Leben fürchten müssen. "Während die Behörden in Bangladesch die gewalttätigen Gruppen bislang nicht zur Rechenschaft gezogen haben, erweitern die Angreifer den Kreis ihrer Ziele", klagt die Direktorin von Amnesty international für Südasien, Champa Patel. Der getötete Professor war nicht dafür bekannt, sich öffentlich zu Religionsfragen zu äußern. Er gab ein literarisches Magazin heraus und war Musikliebhaber. Doch schon der eifrige Einsatz für ein vielseitiges kulturelles Leben erweckt bei Hardlinern Misstrauen, sodass viele vermuten, dass hinter den Attacken militante islamistische Kräfte stehen.

"Die Regierung ist nicht in der Lage, ihre Bürger zu schützen", schreibt ein Kolumnist

Die Aufklärung der Straftaten wird durch den Machtkampf zwischen den politischen Lagern kompliziert. So überraschte es kaum, dass Premier Sheikh Hasina, die die säkulare Awami League führt, die Oppositionspartei Bangladesh Nationalist Party (BNP) und deren islamistische Verbündete von der Partei "Jamaat-e-Islami" als angebliche Drahtzieher ausgemacht hat. Diesen beiden Gruppen schob sie schon die Verantwortung für den Tod der Aktivisten zu und griff damit den Ermittlungen vor.

Ein Kolumnist der Dhaka Tribune schrieb: "Es spielt keine Rolle, an was die Opfer glauben. Es ist egal, was jemand schreibt oder sagt. Es ist niemals gerechtfertigt, jemanden für seine Worte zu töten." Die wichtigste Lektion des Wochenendes sei diese: "Die Regierung ist nicht in der Lage, ihre Bürger zu schützen." So wächst die Angst im Land weiter, ganz gleich, ob es nun internationale Terrornetzwerke oder einheimische Gruppen sind, die Männer mit Macheten als selbst ernannte Scharfrichter auf die Straßen schicken.

© SZ vom 27.04.2016

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