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Außenpolitik:Was Amerikas Schwäche möglich macht

US-IRAN-NUCLEAR-POLITICS

Ein Anruf, der viel verändert: US-Präsident Obama spricht mit Irans Staatsoberhaupt Rohani.

(Foto: AFP)

Die Großmächte einigen sich nach langem Gerangel plötzlich auf eine Syrien-Resolution - und sogar die Erzfeinde Iran und USA reden miteinander. Plötzlich ist Außenpolitik wieder möglich. Die Ursache klingt paradox.

Zum ersten Mal seit der iranischen Revolution vor 34 Jahren hat ein amerikanischer Präsident mit dem Präsidenten in Teheran telefoniert. Barack Obama beendete mit dieser spektakulären Geste eine allemal bemerkenswerte Woche, in der er seine Außenpolitik neu justierte und mit fast schon verzweifelter Entschlossenheit seine Autorität als Steuermann der Großmacht USA zurückforderte. Ob sein Hochrisiko-Spiel aufgeht, ist ungewiss. Selten aber hat einer seiner Vorgänger in so wenigen Tagen so viel investiert.

Die Bühne der Aufführung waren die Vereinten Nationen, aber in dem Spiel war die Institution der Völkergemeinschaft nur Zuschauerin. Zu beobachten war eine Art Gewichtswettbewerb, bei dem die Großmächte wie Apfelsäcke in der Mosterei auf die Zentnerwaage kamen. In diesem Wiegeverfahren hat sich herausgestellt, dass die Ernte in diesem Herbst für alle Seiten einen guten Preis erzielen wird - wenn sie denn zusammen eingebracht werden kann.

Also wird gemeinsam gesammelt: Russland und die USA rangen wochenlang um eine Syrien-Resolution und kamen tatsächlich zu einem ansehnlichen Kompromiss. Syriens Machthaber Baschar al-Assad zeigte sich erstaunlich gelenkig. Der gerupfte Präsident Amerikas hielt zunächst eine Rede, in der er die Wende von der Wende verkündet (alle Kraft gen China ist out, jetzt kümmern sich die USA wieder um Nahost). Und zum krönenden Abschluss beschließen Iran und die USA nicht nur in einer direkten Begegnung ihrer Außenminister Gespräche über das Atomprogramm, wie sie seit Jahren nicht denkbar waren. Nein, die Präsidenten telefonieren miteinander. Der große Satan und die teuflische Möchtegern-Nuklearmacht. Liegt das an der Konstellation der Sterne?

Sterndeuter der Außenpolitik schauen auf Interessen, wenn sie ein außergewöhnliches Phänomen am Firmament erklären wollen. Und siehe da: Diese Interessen ergänzen sich gerade prächtig. Syriens Präsident will einem Luftschlag entkommen und sieht sich im Bürgerkrieg militärisch im Vorteil. Warum also alles wegen der Chemiewaffen riskieren, zumal den Superrealisten im Westen ein Schlächter Assad lieber ist als ein syrisches Kalifat?

Iran profitiert ebenfalls von dem Deal, es darf seinen Vorposten in der Levante behalten. Die schweren inneren Probleme aber plagen weiter. Das Land steht wegen der sehr wirksamen Sanktionen vor dem Kollaps, innere Unruhen wären die Folge. Das mögen die Herrscher in Teheran nicht riskieren. Der Machtwechsel an der Staatsspitze bot nun die Chance auf Tauwetter.

Russland war der Profiteur des Augenblicks, seine syrischen Interessen sind ebenfalls gewahrt, die Offerte Präsident Wladimir Putins an Obama darf der amerikanische Kollege durchaus als Gnadenakt verstehen. Die machtbewusste Außenpolitik-Elite um den Präsidenten in Washington mag grummeln, aber das Ergebnis hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Obamas Schlingerkurs hat zu einem glücklichen Resultat geführt - womöglich auch im Geschäft mit Iran. So paradox es klingt: Es sind Amerikas Schwäche, der Isolationismus im Kongress, die Kriegsmüdigkeit, die Außenpolitik ermöglichen. Die USA, von imperialer Größe auf vernünftiges Maß geschrumpft, erscheinen plötzlich berechenbar. Putin, wegen seines autoritären Gehabes gemieden, kann seinen Marktwert steigern. Einen Luftschlag hat Assad nicht mehr zu befürchten; und Hassan Rohani kann auf ein bisschen Nachsicht bei den Sanktionen hoffen, wenn er sich auf Atomverhandlungen einlässt.

Die Sterne wandern weiter. Interessen bleiben. Napoleon wusste, dass ein Mann stärker für seine Interessen als für seine Rechte kämpfen wird. Gut, dass sich diese Interessen nun wenigstens schneiden.

© SZ vom 28.09.2013/schma/dayk
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