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Muslime in Deutschland:Der Sarrazin-Overkill motiviert die Menschen

Gewiss hat und bereitet ein Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland Probleme. Keiner würde dies ernsthaft bestreiten, es braucht keinen Sarrazin, um das zu sehen. Selbstverständlich haben Türken und nicht etwa Vietnamesen die größten Integrations-Defizite. Das liegt aber zum Teil einfach daran, dass Türken die größte Migrantengruppe stellen. So können sie sich bequem in Parallelgesellschaften zusammenfinden. Wie sollte das den paar Vietnamesen im Land gelingen? Die Sinnlosigkeit solcher Vergleiche zeigt übrigens ein Blick gen Osten. In Polen sind es die Vietnamesen, die nach Ansicht vieler große Probleme haben und machen.

Die Welt lechzt nun aber nach einfachen Erklärungen, einfachen Bildern. Es ist leicht, diese hinzunehmen, wenn man sich selbst in ihnen nicht wiederfindet. Ein respektvoller Umgang miteinander kann nur über Empathie funktionieren. Doch die sogenannten Islamkritiker und ihre Förderer machen sich offensichtlich keinerlei Gedanken darüber, welche Verantwortung sie tragen und was ihr Handeln bei den vielen muslimischen Mitbürgern anrichten kann, die unauffällig ihrem Alltag mit Arbeit, Familie und Freizeit nachgehen, dabei kein Aufheben um ihre Religion machen, aber im Stillen dennoch Halt im Glauben suchen. Um mit Bundeskanzlerin Merkel zu sprechen: Sie fühlen sich "äußerst verletzt".

Mehr Auswanderer als Einwanderer

Der Sarrazin-Overkill motiviert einerseits Menschen, "endlich Klartext" zu reden. Er lässt aber auch viele Menschen hilflos zurück. Pubertierende muslimische Schüler werden in ihrem Frust bestärkt. Akademiker sind vom Entgegenkommen für die Islamkritiker angewidert und sprachlos. Wurden ihre Eltern und deren Eltern nicht geholt, um die deutsche Wirtschaftskraft mitzutragen? Waren es nicht ihre Väter und Großväter, die mit einer Staublunge aus der Kohlengrube kamen, weil sich eingeborene Deutschen zu gut dafür waren? Mittlerweile verzeichnet Deutschland jährlich mehr Auswanderer als Einwanderer - und das gilt auch für Türken: 2009 kamen 30000. Und es gingen: 40000.

Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: "Genugtuung liegt im Einsatz, nicht im Erreichen." Man könnte zu Recht an dieser Stelle einwenden, die Muslime sollten sich mehr bemühen, statt so viel zu lamentieren. Doch wenn Muslime sich für Fortschritt und Veränderung in den eigenen Reihen einsetzen, bekommen sie es nicht nur mit den Fundamentalisten zu tun, die um ihren Einfluss fürchten.

In bemerkenswerter geistiger Brüderlichkeit erhalten sie Unterstützung durch die sogenannten Islamkritiker, denen daran gelegen ist, dass der Islam fundamentalistisch und reaktionär daherkommt. Progressive Muslime werden dann als Heuchler abgestempelt, die nicht ehrlich mit der islamischen Überlieferung umgehen, oder als hilflose Rufer in der Wüste. Am Dogma, dass der Islam prinzipiell nicht zu integrieren ist, darf nicht gerüttelt werden.

Aber was wollt ihr dann von uns?

© SZ vom 28.08.2010/ebc
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