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Aufstände in Syrien:Assad wird stürzen - und dann?

In Syrien stehen 40 Jahre Diktatur vor dem Ende, das Volk kann nicht mehr zurück. Doch die Gefahr ist groß, dass die Freiheit, wenn sie erst einmal errungen ist, in neuem Blut ertrinkt. Hier muss der Westen helfen.

Am 15. März 2011 entfachten Jugendliche in der staubigen Stadt Daraa arglos die tiefgreifendste Revolution in der Geschichte Syriens seit 500 Jahren. Sie sprayten gegen die Korruption, gegen die Geheimdienste und gegen die Armut an. Sie wurden verhaftet und gefoltert. Als die Eltern nach ihren Kindern fragten, wies sie der Chef des Geheimdienstes, ein Cousin des Präsidenten Baschar al-Assad, brüsk zurück.

Junge Frauen demonstrieren in Kuwait gegen den syrischen Präsidenten Assad. "Tritt ab" haben sie sich auf die Stirn geschrieben. 

(Foto: AFP)

So demonstrierten sie am nächsten Tag, eher schüchtern. Sie sagten kein Wort gegen den Präsidenten. Er aber, ein Gefangener seines Systems, ließ auf sie schießen. Er hatte von seinem Vater gelernt: Sobald Menschen ihre Stimme erheben, bedarf es einer harten Lektion. Das hatte dieser Vater 1982 in Hama praktiziert. Nach einem Massaker, bei dem mehr als 20.000 unschuldige Menschen den Tod fanden, herrschte Friedhofsruhe. Der Sohn aber hat Pech. Die Zeiten haben sich geändert.

Baschar al-Assad lügt, wenn er Reformen verspricht, er muss lügen. Die erste ernst zu nehmende Reform wäre die Auflösung der fünfzehn Geheimdienste, die gegen das eigene Volk arbeiten. Das aber würde ihm das Genick brechen. Würde er die Panzer und Scharfschützen aus den Städten abziehen, sie wären bald von den Revolutionären befreit.

Ich schreibe einen Artikel in der syrischen Oppositionszeitung S afahat Surije (Syrische Blätter). Gegen den Geist der Rache, für den Mut, auch den Gegnern die Hand zu reichen. Ich schreibe aus Sorge um die alawitische Minderheit, die seit Jahrtausenden verfolgt wurde und Syrien nun seit vierzig Jahren beherrscht. Fundamentalisten rufen zur Rache auf. Die aufgeklärten Oppositionellen müssen dagegen ankämpfen. Das Regime ist die Pest, der konfessionelle Bürgerkrieg die Cholera.

Unglaubliches ist passiert - dabei sah es so düster aus. Die Herrscher hatten die absolute Macht, der Westen war damit einverstanden. Die arabischen Menschen suchten ihr Heil im Konsum. Die Intellektuellen waren tot, im Gefängnis oder im Exil, die Opposition gebrochen. Und nun? Assad wird stürzen! Das Volk kann nicht mehr zurück.

Was dann? Zwölf Jahre Nazidiktatur zeigen in Deutschland heute noch Folgen. Syrien wird seit vierzig Jahren diktatorisch deformiert. Wie werden die Menschen darauf reagieren, plötzlich frei zu sein? Immerhin werden sich die Syrer selbst befreit haben. Doch was kommt nach dem Sturz des Regimes? Bürgerkrieg? Provisorische Einheitsregierung? Ein blutiger Putsch? Übernehmen die Fundamentalisten die Macht?

Vor den Fundamentalisten muss man keine Angst haben. Mögen sie auch im Moment stark erscheinen, ein Programm zur Lösung der syrischen Probleme haben sie nicht. Mit der Scharia lässt sich das Land nicht regieren: 40 Prozent der Bevölkerung sind Nicht-Sunniten. Möglicherweise werden Putsch und Bürgerkrieg die Freiheit in einer Blutlache ertränken. Der Westen muss die zivile demokratische Opposition unterstützen, wie er es in Osteuropa meisterlich getan hat. Nur dies kann die Fundamentalisten und den Bürgerkrieg verhindern.

Ist es nicht erstaunlich, dass Regime, die mit dem Slogan "Religion ist das Opium des Volkes" auftraten, selbst ein religions-ähnliches System aufbauten? Auch die Assads glaubten den von den Geheimdiensten bestellten Ausrufern, die ihnen zujubelten. Sie glaubten an ihre göttliche Genialität. Dagegen der Esel: Selbst wenn man ihm tausendmal sagt, du bist ein Löwe, er glaubt es nicht. Esel sind nicht so dumm, wie wir denken.