Atomenergie und Geopolitik:Kernkraft auf Pump

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Atomenergie und Geopolitik: Ein Besucher auf der Welt-Nuklear-Ausstellung WNE im französischen Villepinte.

Ein Besucher auf der Welt-Nuklear-Ausstellung WNE im französischen Villepinte.

(Foto: Vincent Isore via www.imago-images.de/imago images/CSP_vectorchef, Collage: SZ)

Russland hat aus dem Export von Atomkraftwerken ein einträgliches Geschäft gemacht und verfolgt damit auch geopolitische Ziele. Geraten Staaten damit in Abhängigkeit? Teil 3 der SZ-Serie.

Von Christoph von Eichhorn

Es gibt nicht vieles, das Russland den USA wirtschaftlich entgegensetzen kann. Putins Staat ist auf der Karte zwar riesig, ökonomisch gesehen aber zehn Mal kleiner als die Vereinigten Staaten. Öl und Gas produzieren die Amerikaner dank ihrer Schiefergasvorräte jetzt selbst im Überfluss. Und sogar den Transport von Astronauten - lange ein Monopol der russischen Sojus-Kapseln - kann jetzt auch Space-X erledigen. In einem Bereich hat Russland die USA wie auch andere westliche Staaten jedoch klar überflügelt: im Export von Atomtechnik.

Schätzungsweise die Hälfte aller 51 Atomreaktoren, die derzeit auf der Welt gebaut werden, stammen aus Russland. Erst mit großem Abstand folgt China mit einem Anteil von etwa 20 Prozent am Atomtechnik-Weltmarkt. Eine gewisse Rolle spielen noch Südkorea, Japan und Frankreich. Die USA, die lange dominierend waren, sind derzeit hingegen an keinem Bauprojekt im Ausland mehr beteiligt.

Einigen Beobachtern bereitet dieser Rückzug der USA Sorgen. Das werde es Moskau und Peking zunehmend erlauben, internationale Normen zu beeinflussen und neue Betriebs- und Sicherheitsstandards zu setzen, argumentieren die Energie-Experten Jason Bordoff und Meghan O'Sullivan im Magazin Foreign Affairs. Jane Nakano vom Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnt sogar, dass die Dominanz autokratischer Staaten "die Zukunft der globalen nuklearen Sicherheit und Nichtproliferation gefährden könnte". Gemeint ist das internationale Kontrollsystem, das die Weitergabe von waffenfähigem Material unterbinden soll. So können Plutonium-Isotope, die in Kernreaktoren als Nebenprodukt anfallen, auch für die Herstellung von Atomwaffen verwendet werden.

"Kommerzielle Gewinne sind nicht das hauptsächliche Ziel dieser Geschäfte."

In einer Studie geht Nakano den Motiven Russlands und Chinas nach. Zum einen geht es sicherlich um Geld. So hat der staatliche russische Atomkonzern Rosatom derzeit Aufträge aus dem Ausland im Wert von 118 Milliarden Euro in den Büchern stehen, jedes Jahr werden damit einige Milliarden US-Dollar an Devisen in die Kassen gespült. Das hilft zugleich, die schwächelnde Nachfrage im Inland abzufedern, wo praktisch nur noch alte Meiler ersetzt werden.

Allerdings sind einige der russischen Auslandsprojekte aus ökonomischer Sicht zumindest fragwürdig. So zieht Russland in der Türkei vier Reaktoren nach dem "Build-Own-Operate"-Prinzip hoch: Russland baut nicht nur das Kraftwerk, sondern besitzt und betreibt es auch, trägt damit alle Risiken des Projekts alleine. Das Modell hat sich jedoch als teuer herausgestellt, Schätzungen zufolge wird Russland am Ende umgerechnet bis zu 22 Milliarden Euro draufzahlen.

In anderen Fällen vergeben Russland wie auch China sehr günstige Kredite mit auffallend langer Laufzeit, vermutlich, damit Projekte in Staaten mit wackliger Kreditwürdigkeit wie Bangladesch oder Argentinien überhaupt zustande kommen. "Die ökonomischen Rahmendaten der AKW-Projekte lassen keinen Zweifel: Kommerzielle Gewinne sind nicht das hauptsächliche Ziel dieser Geschäfte", heißt es in einer Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung zur Strategie Russlands.

Nur was dann? Nakano zufolge bringt der Export von Nukleartechnik eine Reihe strategischer Vorteile mit sich. Nicht nur der Bau von Atomkraftwerken dauert schließlich lange, diese müssen auch gewartet und mit Kernbrennstoff versorgt werden. Kernenergie-Projekte erfordern zudem Zusammenarbeit auf diplomatischer, kommerzieller, institutioneller Ebene. Auf diese Weise könne eine lang anhaltende Beziehung zwischen einem Lieferanten und einem Empfängerland geschmiedet werden.

Umstritten ist, wie viel Macht damit für Exportländer verbunden ist, vor allem wenn die Ausfuhrverträge auch die Lieferung von Uran-Brennstäben zum Betrieb der Kraftwerke vorsehen. Manche Experten sehen darin Analogien zur Abhängigkeit von russischem Erdgas. Andere halten das für irreführend, da ein Kernkraftwerk nicht ständig Nachschub benötige, anders als etwa ein Heizkraftwerk. Der Umstieg auf andere Lieferanten ist zumindest möglich, so werden ukrainische Atomreaktoren seit Längerem auch mit Kernbrennstoff aus amerikanischer Produktion gefahren.

Atomenergie im Rundum-sorglos-Paket: Das birgt auch Risiken

Insgesamt ist aber wohl keine Organisation so umfangreich aufgestellt wie Rosatom. Mit seinen 360 Tochterfirmen deckt der Konzern jeden Winkel des Atomgeschäfts ab, von der Planung über den Bau bis hin zum Betrieb von Atomkraftwerken bis hin zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen. Selbst die Ausbildung von einheimischen Fachkräften erfolgt häufig an russischen Universitäten. "Viele der russischen Angebote beinhalten ein Rundum-sorglos-Paket", sagt Christoph Pistner, Nukleartechnik-Experte am Öko-Institut in Darmstadt. Das könne etwa zum Problem werden, wenn Staaten keine Veranlassung mehr sehen, starke eigene Aufsichtsbehörden aufzubauen.

Auch China verfolgt mit dem Export von Reaktoren gewisse außenpolitische Interessen. Der Bau mehrerer Kraftwerksblöcke in Pakistan dient nach Ansicht von Beobachtern auch dem Schulterschluss gegen den gemeinsamen Rivalen Indien. Zwar steckt die chinesische Atomindustrie bei Auslandsgeschäften noch immer in einer Lernphase - ihre tiefen Taschen sowie ihre raschen technologischen Fortschritte haben sie mittlerweile aber sogar zu einer Bedrohung für die russische Vormachtstellung werden lassen.

An einigen Stellen kollidiert das Vorgehen insbesondere Russlands bereits mit den Interessen der EU - etwa in Ungarn, wo Viktor Orbáns Regierung einen Auftrag über zwei neue Reaktoren ohne ordentliche Ausschreibung an Rosatom vergeben hat, was für Kritiker zur Erosion rechtsstaatlicher Standards beiträgt. Nicht überall ist Russlands Exportstrategie indes erfolgreich. Vor einigen Jahren beendeten die russische und die südafrikanische Regierung still und leise ein geplantes, mehr als 60 Milliarden Euro schweres Atomprojekt am Kap. Für Andrew Weiss und Eugene Rumer vom Thinktank Carnegie illustriert das Scheitern "die Grenzen von Russlands Reichweite und seinen bescheidenen Werkzeugkasten, um Macht und Einfluss in Regionen fernab seiner Peripherie auszuüben".

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