Atom-Abkommen mit Iran Letztes Feilschen um eine Fusion

Irans Atom-Chef Ali Akbar Salehi.

(Foto: AP)
  • Die wichtigsten technischen Experten bei den Atom-Verhandlungen mit Iran sind der US-Energieminister Ernest Moniz, der Außenminister John Kerry berät. Und Ali Akbar Salehi, Chef der Iranischen Atomenergieorganisation, der Irans Außenminister Mohammad Dschawad Sarif zur Seite steht.
  • Sie studierten beide am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und verstehen sich dem Vernehmen nach gut.
  • Beide Männer sind wichtig, um technisch wasserdichte Formulierungen für ein Abkommen zu finden, mit denen beide Seiten einverstanden sind.
Von Paul-Anton Krüger, Wien

Es war Tag zehn des Wien-Aufenthaltes von John Kerry, als er Sonntagabend vor das Hotel Palais Coburg trat. Selten dürfte ein US-Außenminister länger auf einer Dienstreise gewesen sein, doch Kerry machte deutlich, dass er bei den Verhandlungen mit seinem iranischen Kollegen Mohammad Dschawad Sarif über das Atomprogramm der Islamischen Republik noch immer nicht am Ziel ist - obwohl er ihn allein am Sonntag vier Mal zu Gesprächen traf. "Heute Abend kommen meine Außenminister-Kollegen zurück nach Wien", hob Kerry an.

"Jetzt ist die Zeit gekommen, zu sehen, ob wir in der Lage sind, ein Abkommen zu schließen oder nicht." Es habe Fortschritte gegeben in den vergangenen Tagen, aber "wir sind bei einigen der schwierigsten Themen noch nicht dort, wo wir sein müssten" - und drohte indirekt mit Abreise, falls sich Iran nicht bewegt.

Manche der Probleme sind nicht nur politisch heikel, sondern auch technisch hoch kompliziert. Es geht um Nukleartechnik, um die Bauweise von Reaktoren und die Leistungsfähigkeit von Gasultrazentrifugen zur Uran-Anreicherung. Es geht um die Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und um die Frage, wie viel Aufklärung Iran über verdächtige Aktivitäten leisten muss, die auf Entwicklungsarbeiten für Atomwaffen hinweisen, bevor dem Land Sanktionen erlassen werden. Zu viel, selbst für Kerry und Sarif, die beide im Ruf stehen, die Details zu beherrschen, aber auch am liebsten selbst und allenfalls mit wenigen Vertrauten an ihrer Seite die Gespräche zu führen.

Moniz ist Kernphysiker, Salehi Nuklearingenieur

Für die technischen Feinheiten verfügen sie über ein Team von Experten. Kerry wird darüber hinaus aber seit einiger Zeit von US-Energieminister Ernest Moniz, 70, begleitet. Sarif wiederum hat den Chef der Iranischen Atomenergieorganisation, Ali Akbar Salehi, 66, an seiner Seite, der zugleich sein Vorgänger im Amt des Außenministers ist. Salehi wurde gar nach Wien eingeflogen, obwohl er sich von Komplikationen einer Darmspiegelung sichtbar noch nicht wieder völlig erholt hat.

Moniz ist Kernphysiker, Salehi Nuklearingenieur. Beide wurden ausgebildet und promoviert am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, auch wenn sie sich dort nie begegnet sind, und machten später Karriere als Akademiker. Sie haben einen Draht zueinander gefunden, sie führen Gespräche unter Wissenschaftlern.

Inzwischen reden sie sich mit Vornamen an. Die beiden waren maßgeblich daran beteiligt, Anfang April in Lausanne den Weg zur politischen Grundsatzeinigung über die Eckpunkte eines Abkommens zu bereiten, wie Diplomaten sagen - und sie werden hier in Wien gebraucht, um technisch wasserdichte Formulierungen zu finden, die eindeutig sind, aber dennoch den politischen Vorgaben aus Washington und Teheran Rechnung tragen. So wurde etwa die Formel entwickelt, die unterirdische Anreicherungsanlage Fordow umzuwandeln in eine Forschungseinrichtung. Die Iraner würden damit ihren Willen bekommen, die Einrichtung unter einem Berg in der Nähe der heiligen Stadt Qom nicht schließen zu müssen - während die Amerikaner und ihre Verbündeten sicherstellen könnten, dass dort kein Uran mehr angereichert wird.

Irans Atom-Chef Ali Akbar Salehi.

(Foto: AP)

Oberster Dienstherr der US-Atomwaffenlabors

Moniz, nicht etwa das Pentagon oder das US-Militär, ist in seiner Funktion oberster Dienstherr der US-Atomwaffenlabors, die wichtigsten davon Los Alamos im Bundesstaat Nevada, Lawrence Livermore in Kalifornien und Oak Ridge in Tennessee. Dort haben sie sogar die Zentrifugen-Kaskaden aus den iranischen Anreicherungsanlagen nachgebaut, um deren Leistungsfähigkeit besser einschätzen zu können - und vermutlich auch um Sabotage-Aktionen der Geheimdienste zu planen. Weitgehend baugleiche Modelle waren den Amerikanern in die Hände gefallen, als Libyens einstiger Diktator Muammar el-Gadafi sein Atomprogramm aufgab - er hatte wie die Iraner beim pakistanischen Nuklearschmuggler Abdul Qadir Khan eingekauft.

Für die Iraner gehört die Frage von Inspektionen und Zugang zu ihren Anlagen und Wissenschaftlern zu den schwierigsten Themen. Salehi, der sein fließendes Englisch oft mit gedämpfter Stimme spricht, ist nicht nur mit Irans Atomprogramm vertraut, er kennt auch die Arbeitsweise der Internationalen Atomenergiebehörde bestens. Er vertrat sein Land dort als Botschafter, als 2003 die klandestinen Anlagen in seiner Heimat enttarnt wurden. Er schaffte es zunächst zu verhindern, dass die Verstöße nicht direkt an den UN-Sicherheitsrat berichtet wurden, obwohl die Amerikaner darauf drangen.

Salehi genießt zugleich das Vertrauen des Obersten Führers, Ayatollah Ali Chamenei, der das letzte Wort über einen Deal hat. Der setzte ihn als Außenminister ins zweite Kabinett von Mahmud Ahmadinedschad, als der Manutschehr Mottaki entließ. Aber auch der Amerikaner Moniz spielt eine politische Rolle: Nur er kann dem Kongress glaubhaft machen, dass ein Abkommen technisch die politischen Anforderungen erfüllt, die Präsident Barack Obama ausgegeben hat: Iran auf absehbare Zeit den Weg zu Nuklearwaffen zu verstellen. Und da werden technische Details schnell zu sehr politischen Fragen.

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