Aserbaidschan:"Der Knast ist eben kein Treffpunkt für Optimisten"

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Was nützt es also, die Wahrheit zu sagen? An dem Tag, an dem ich zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, wurde mir diese Frage immer wieder gestellt. "Was soll das bezwecken, was Sie machen und erleiden?" fragte der Gerichtsbedienstete. "Ganz gleich, was Sie schreiben, Sie können ja eh nichts ändern," sagte der Gefängniswärter. "Es ist alles richtig, was du machst, aber es bringt ja trotzdem nichts," sagte meine Zellengenossin immer wieder, wenn ich - trotz des Risikos in Isolationshaft zu kommen - nach Möglichkeiten gesucht habe, Geschichten aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln. Der Knast ist eben kein Treffpunkt für Optimisten.

Die Frage, warum wir trotz aller Risiken weiterhin Kritik ausüben, ist durchaus berechtigt, denn das aserbaidschanische Volk, dessen Stimmen in den Wahlen gestohlen werden, sieht weder eine Chance auf Veränderungen noch effektive Hilfeleistung seitens internationaler Institutionen. Die Familienherrschaft scheint eine unausweichliche Realität zu sein. Nicht einmal die für 2018 geplante Wahl sehen die Aserbaidschaner als Anlass zur Hoffnung auf Veränderungen: Der jetzige Präsident ererbte die Macht von seinem Vater und ernannte seine Ehefrau zur Vize-Präsidentin, sodass sie ihn gegebenenfalls vertreten kann.

Die Wahlen in Aserbaidschan haben noch nie internationalen Standards entsprochen. Beobachtungsmissionen der OSZE haben von fundamentalen Fälschungen in den Stimmenauszählungen bei bisherigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen berichtet. Dessen ungeachtet wird von aserbaidschanischen Fernsehsendern, den Sprachrohren des Regimes, gezeigt, wie ausländische Politiker und westliche Parlamentarier die Demokratie in Aserbaidschan rühmen. Die Heuchelei des Westens und die Verzweiflung des Volkes erinnern an die letzten Jahre des Schah-Regimes im benachbarten Iran.

Naiv sind die Aserbaidschaner nicht. Sie begreifen sehr wohl, dass es Geld kostet, wenn man westliche Politiker dazu bringen will, dem Land zu helfen. Sie begreifen auch, warum das aserbaidschanische Regime bemüht ist, die Wahrheit innerhalb und außerhalb des Landes zu verbergen.

Der Journalist und Dissident Shahvalad Chobanoglu glaubt, dass es der Regierung auf Dauer nicht gelingen wird, alle zum Schweigen zu bringen, da sich in jedem Haushalt eine Wahrheitsmaschine befindet: ein leerer Kühlschrank. Die Aserbaidschaner verstehen sehr wohl, dass der Reichtum der Oligarchen auch dazu führt, dass die Kühlschränke leer bleiben. Es wird eine Zeit kommen, in der die Wut der Armen explodiert. Es bleibt zu hoffen, dass es bald geschieht - noch bevor das Volk zu glauben beginnt, dass der Westen und das aserbaidschanische Regime gleichermaßen schuld sind.

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