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Armutsbericht:Risikogruppe Rentner

12,9 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut bedroht, beklagt der Paritätische Wohlfahrtsverband - und muss sich schon bei der Vorstellung seines Berichts gegen Kritik zur Wehr setzen.

Von Sebastian Fischer, Berlin

Bevor Ulrich Schneider am Donnerstag im Haus der Bundespressekonferenz verkündete, dass die Armut in Deutschland mit 15,7 Prozent oder 12,9 Millionen Menschen einen Höchststand erreicht habe, und bevor er mit grimmiger Miene von einem "zunehmenden Trend von Armut" sprach, wollte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zunächst mal etwas klarstellen: Dass man ihm seine Zahlen wirklich glauben könne.

Der Wohlfahrtsverband gibt in jedem Jahr einen Armutsbericht heraus, und der wird jedes Jahr kritisiert, "hitzig und heftig", sagte Schneider. Der Paritätische orientiert sich in seiner Veröffentlichung an einer EU-Konvention, wonach Menschen von Armut bedroht sind, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben (siehe Kasten). Ökonomen kritisieren den Bericht, er sei zu pauschal. Und das Bundesarbeitsministerium unter SPD-Politikerin Andrea Nahles erklärte am Donnerstag, die Fokussierung auf die Armutsrisikoquote sei "verkürzt". Armut in einer Wohlstandsgesellschaft lasse sich nicht auf eine Maßzahl beschränken. Andere Indikatoren, etwa die Anzahl der Langzeitarbeitslosen, würden in eine andere Richtung weisen.

Armut werde zu sehr auf Elend reduziert, sagte Schneider - und verteidigte sich: Armut beginne nicht, wenn Menschen verelenden, sondern "wenn Menschen nicht mehr teilhaben können"; wenn etwa das Geld für den Sportverein fehle und Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden.

Laut der Zahlen für das Jahr 2015, die Schneider mit Vertretern neun beteiligter Verbände präsentierte, ist die sogenannte Armutsquote in elf Bundesländern im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, am stärksten in Berlin, von 20 auf 22,4 Prozent. Am höchsten ist sie in Bremen (24,8 Prozent). Im erstmals auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes angestellten Zehn-Jahres-Vergleich sind die Armutsquoten in Nordrhein-Westfalen am stärksten gestiegen. Im Ruhrgebiet nahm der Anteil seit 2005 um 24,7 Prozent zu, jeder Fünfte ist dort demnach von Armut bedroht.

Zwischen Arm und Reich liegen, rein statistisch, zehn Jahre Lebenserwartung

Drastisch ist die Entwicklung seit 2005 vor allem für ältere Menschen. Rentnerinnen und Rentner gelten inzwischen als Risikogruppe. Ihre Armutsquote stieg um 49 Prozent von 10,7 auf 15,9 Prozent. Laut Professor Rolf Rosenbrock, dem Vorsitzenden des Paritätischen, wirkt sich Armut im Alter auch auf die Gesundheit aus. In einem Beitrag, den er gemeinsam mit Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut verfasst hat, schreibt er, dass wohlhabende Menschen etwa zehn Jahre länger leben als arme. Bei Männern reiche die Lebenserwartung von 70,1 Jahren bei jenen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens bis hin zu 80,9 Jahren bei jenen mit 150 Prozent des mittleren Einkommens.

Definitionssache

Bei der Berechnung der Armutsquoten, wie ihn der Paritätische Wohlfahrtsverband mit Hinweis auf eine EU-Konvention vornimmt, werden alle Personen gezählt, die in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Dabei handelt sich um das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes, inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, anderer Transferleistungen oder sonstiger Zuwendungen. Es geht nicht um Bruttoerwerbseinkommen. Die Zahlen basieren auf dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts - einer Zufallsstichprobe bei einem Prozent der Bevölkerung. Die Armutsgefährdungsschwelle lag demnach 2015 für einen Single bei 942 Euro und für einen Paarhaushalt mit zwei kleinen Kindern bei 1 978 Euro. SZ

Schon im vergangenen Jahr war an selber Stelle von einer drohenden "Lawine der Altersarmut" gesprochen worden. "Jetzt sehen wir, dass diese Lawine da ist", sagte Wolfram Friedersdorff, Präsident des Bundesverbandes Volkssolidarität. Es spreche nichts dafür, dass sich der Trend umkehre, falls die gesetzliche Rentenversicherung nicht erhöht werde.

Es sei überfällig, sagte dann auch Ulrich Schneider, dass soziale Gerechtigkeit zum Wahlkampfthema werde. Denn trotz steigender Löhne und sinkender Arbeitslosigkeit in Deutschland seien die Anstrengungen zur Bekämpfung von Armut unzureichend. "Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder", sagte er. Zu viele Menschen arbeiteten in Teilzeit oder seien mit Minijobs beschäftigt.

Aktuelles Lexikon: Lebenserwartung

Bei jedem Menschen, der geboren wird, lässt sich bereits aus den Statistiken ablesen, wie lange er wohl auf der Welt verbleiben wird: In Deutschland kann laut Statistischem Bundesamt ein 2015 geborener Junge mit durchschnittlich 77,8 Jahren rechnen, ein Mädchen mit 82,5. Diese Zahlen ergeben sich aus Modellannahmen und der Fortschreibung bestehender Trends; verlassen kann man sich darauf nicht. Seuchen könnten die durchschnittliche Lebenserwartung verkürzen, medizinische Durchbrüche sie verlängern. Ohnehin sagen diese Werte nichts über das individuelle Schicksal. So scheint selbst in reichen Industriestaaten die Position in der Gesellschaft einen großen Einfluss auf das Sterbealter zu haben. Darauf haben jetzt der Paritätische Wohlfahrtsverband und andere Verbände in ihrem jährlichen Armutsbericht hingewiesen. Während diese Unterschiede wahrscheinlich vor allem mit dem individuellen Gesundheitsverhalten zu erklären sind, führen unzureichende Ernährung, dreckiges Trinkwasser, Mängel in Infrastruktur und Gesundheitswesen weltweit zu deutlich größeren Unterschieden. So dürfen sich japanische Neugeborene derzeit auf durchschnittlich 83,7 Jahre freuen, im Schlusslicht Sierra Leone sind es nur 50,1 Jahre. Über die theoretisch maximale Lebenserwartung von Menschen streiten die Forscher. Die meisten Experten nehmen eine Obergrenze von 115 bis 120 Jahren an. Christian Weber

Arbeitslose sind mit einer Quote von 59 Prozent dem höchsten Armutsrisiko ausgesetzt, danach folgen Alleinerziehende mit 43,8 Prozent, Ausländer mit 33,7 Prozent und Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (31,5 Prozent). Minderjährige und junge Erwachsene sind häufig betroffen, wenn sie aus ärmeren Elternhäusern stammen. Flüchtlinge kommen in der Statistik nicht vor, solange sie in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind. Gleiches gilt für 335 000 Menschen ohne Wohnung, 764 000 Pflegebedürfte und mehr als 200 000 Menschen mit Behinderung, die in Einrichtungen leben. Auch das, sagte Schneider, spreche für die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse. Zwar würden - ein Kritikpunkt - Hunderttausende Studenten mitgezählt. Doch das falle in der Summe nicht entscheidend auf, die Statistik sei "keine künstliche Dramatisierung, sie unterschätzt das Armutsrisiko eher als dass sie es überschätzt". Dramatisch hörten sich Schneiders Forderungen an: Es brauche einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel, mehr Bildung für benachteiligte Kinder, höheren Mindestlohn. Zweistellige Milliardenbeträge seien dafür jährlich notwendig. Doch würde Deutschland es ernst meinen mit der Armutsbekämpfung, glaubt Schneider, "dann haben wir das Geld".

© SZ vom 03.03.2017

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