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Völkermord an den Armeniern:Um die Wahrheit herumgezirkelt

Die Berliner Politik drückt sich darum, den Völkermord an den Armeniern auch so zu nennen.

Kommentar von Hubert Wetzel

Solche Sätze muss man erst einmal hinzirkeln: "Man kann das, was damals geschehen ist, in dem Begriff des Völkermords zusammenfassen wollen, und ich kann die Gründe dafür und erst recht die Gefühle dazu gut verstehen." Und: "Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist."

Der erste Satz stammt von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der zweite soll in einem Bundestagsantrag stehen. Beide Male geht es um den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich, der vor 100 Jahren begann, den man aber nach Ansicht der Türkei nicht als Genozid bezeichnen darf. Deshalb wird beide Male zwar von Völkermord gesprochen, das Unwort aber gleich wieder eingefangen. Man kann die Gründe und Gefühle verstehen, die Steinmeier und den Bundestag zu so verquasten Sätzen verleiten. Sie wissen, dass die Massaker an den Armeniern alle Merkmale eines Genozids erfüllen. Es ging damals darum, ein Volk zu ermorden. Aber sie wollen eben das wegen des Genozidvorwurfs ohnehin gereizte Partnerland Türkei nicht verärgern.

Man kann dieses Herumgedrücke um die Wahrheit als beispielhaft für die Geschichte der Diplomatie bezeichnen. Man kann es aber auch in dem Begriff der Feigheit zusammenfassen wollen.

© SZ vom 21.04.2015
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