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Argentinien:Schweres Erbe

Mit dem Toyota Corolla zur Arbeit: Zumindest die Symbole sollen stimmen, wenn Argentiniens neuer Präsident Alberto Fernández die Regierung übernimmt. Das Land steht am Abgrund. Eine Lage, mit der Fernández vertraut ist.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Argentina's outgoing president Mauricio Macri and President-elect Alberto Fernandez embracing during a mass held at Lujan, in Buenos Aires

Präsident Alberto Fernández (rechts) und sein Vorgänger Mauricio Macri bei der Amtsübergabe.

(Foto: Esteban Collazo/Frente de Todos/via REUTERS)

Manchmal sind es kleine Symbole, die großen Wandel ankündigen. Da wären zum Beispiel die Autos, die argentinische Präsidenten zu ihren Amtseinführungen benutzen: Bei Juan Domingo Perón war es ein Cadillac, beim scheidenden Regierungschef Mauricio Macri ein gesponsertes SUV-Hybridfahrzeug mit Chauffeur, schneeweiß, luxuriös und brandneu. Wenn der neue Präsident des südamerikanischen Landes, Alberto Fernández, dagegen am Dienstagvormittag in Richtung Kongress aufbricht, um dort offiziell die Regierung zu übernehmen, wird er das in seinem eigenen Auto tun: einem Toyota Corolla, grau und gebraucht. Er wolle keinerlei Pomp, erklärte Fernández vor ein paar Tagen: "Lasst uns anfangen, so wie es die Umstände gebieten."

Tatsächlich sind die Umstände alles andere als günstig. Argentinien steckt ganz tief in der Krise, mal wieder: Die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt, jeden Tag gehen mehrere Dutzend Firmen pleite. Mehr als drei Millionen Menschen sind allein im letzten Jahr unter die Armutsgrenze gerutscht, der Peso hat in derselben Zeit die Hälfte seines Wertes verloren, die Inflation ist die zweithöchste in Lateinamerika. Um überhaupt regieren zu können, musste Fernández' Vorgänger sich immer mehr Geld leihen, 57 Milliarden Dollar kamen allein vom Internationalen Währungsfonds. Mit mehr als 100 Milliarden steht das Land in der Kreide, ein schweres Erbe für die neue Regierung, aber zum Glück ein Szenario, das dem neuen Präsidenten nicht ganz fremd ist.

Seit fast vier Jahrzehnten ist Alberto Fernández in der Politik seines Landes aktiv. Schon in der Schulzeit war er Mitglied politischer Gruppen, nach dem Jurastudium begann er, für die verschiedensten Regierungen in Ausschüssen und Gremien mitzuarbeiten. Fernández hat das den Ruf des Strippenziehers eingebracht, er ist bestens vernetzt und hat Beziehungen in alle erdenklichen Kreise. 2003 berief ihn der frisch gewählte Präsident Néstor Kirchner darum zu seinem Kabinettsleiter. Auch damals steckte das Land in einer schweren Krise, die Wirtschaft war kollabiert, die Schulden waren kaum mehr bezahlbar. In den nächsten Jahren aber schaffte die linksperonistische Regierung einen Umschwung, dank eines Rohstoffbooms wuchs die Wirtschaft wieder, und Argentinien konnte einen Großteil seiner Kredite zurückzahlen. Als Kirchner 2007 sein Amt an seine Frau Cristina übergab, blieb Alberto Fernández zunächst Kabinettsleiter.

Die neue Regierung wird daran gemessen, ob sie die Armut verringern kann

Nach ein paar Monaten überwarf er sich jedoch mit der Präsidentin, Fernández trat zurück und wurde in der Folgezeit zu einem erklärten Kritiker der Regierung der Kirchners. Er zog sich aus der aktiven Politik zurück; umso größer war darum die Überraschung, als im Mai dieses Jahres bekannt wurde, dass Fernández bei den Wahlen antreten würde - mit niemand geringerem als seiner alten Weggefährtin und Widersacherin Cristina Kirchner als Vize.

Schon in den obligatorischen Vorwahlen Anfang August stimmten mehr als 47 Prozent der Wähler für das Duo, ein Erdrutschsieg, der sich dann bei den offiziellen Wahlen Ende Oktober wiederholte. Lange hielten Fernández und Kirchner ihr Kabinett geheim, erst letzte Woche gaben sie die genaue Zusammensetzung bekannt. Wirtschaftsminister wird der 37 Jahre alte Martín Gúzman, ein Wissenschaftler ohne Erfahrung in der Politik, dafür aber mit umso mehr Fachwissen über die Umstrukturierung von Schulden. Seine Hauptaufgabe wird es sein, die Rückzahlung der Kredit neu zu verhandeln. Gleichzeitig wird der neue Minister für Produktion, Matías Kulfas, versuchen, den Export zu stärken.

Ob der Plan aufgeht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Fernández weiß, dass seine Regierung vor allem daran gemessen werden wird, ob sie die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und die Not der Menschen lindern kann. "Wir werden nur besser sein, wenn wir weniger Armut haben", sagte Fernández kurz vor seinem Amtsantritt.

Die Erwartungen zumindest sind riesig. Nach der Amtsübergabe am Dienstag ist ein Volksfest im Zentrum von Buenos Aires geplant. Auf einer Bühne werden Künstler auftreten, darunter große Stars, aber auch alte Freunde von Alberto Fernández. Er selbst hat einmal in einer Band gespielt, und sein Hund, ein Collie, trägt den Namen "Dylan", zu Ehren des gleichnamigen Folk-Sängers. Zusammen mit seinem Herrchen kann Dylan ab Dienstagabend in den argentinischen Präsidentenpalast ziehen. Er steht in Olivos, einem noblen Viertel im Großraum von Buenos Aires. Etwa 45 Minuten braucht man mit dem Auto, um von dort ins Zentrum zum Regierungssitz zu kommen, vorausgesetzt natürlich, es gibt keinen der legendären Staus, die jeden Morgen die argentinische Hauptstadt lahmlegen. Es könnte also sein, dass Argentiniens neuer Präsident in Zukunft eine Angewohnheit seines Vorgängers übernimmt und mit dem Helikopter ins Büro fliegt. Der graue Toyota Corolla müsste dann in der Garage bleiben.

© SZ vom 10.12.2019

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