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Argentinien:Rettung in Sicht

FILE PHOTO: Argentine Economy Minister Martin Guzman gestures during an interview with Reuters, in Buenos Aires

Wirtschaftminister Martín Guzmán hatte gemahnt: „Während 50 Prozent der Kinder in Argentinien in Armut leben, können wir nicht die kurzfristigen Gewinne unserer Gläubiger erhöhen.“

(Foto: Agustin Marcarian/reuters)

Das krisengeschüttelte Argentinien bekommt von seinen Gläubigern einen Teil der Schulden erlassen. Die Details des Abkommens müssen noch ausgehandelt werden.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Kurz vor knapp hat es dann doch noch geklappt: Am frühen Dienstagmorgen um drei Uhr Ortszeit gab die argentinische Regierung bekannt, sie habe sich mit drei ihrer größten privaten Gläubiger geeinigt. Kurz vor Ablauf einer Frist, die am Dienstagabend ausgelaufen wäre, hat das südamerikanische Land damit den dritten Staatsbankrott in nur 20 Jahren abgewendet.

Dem Deal waren monatelange und teils erbittert geführte Verhandlungen vorausgegangen. Vor allem Vermögensverwalter wie Blackrock und Ashmore hatten immer wieder Angebote der argentinischen Regierung abgelehnt. In Buenos Aires wiederum hatte Wirtschaftsminister Martín Guzmán immer wieder erklärt, man könne keine weiteren Zugeständnisse machen.

Tatsächlich liegt die Wirtschaft Argentiniens am Boden. Das einst so reiche Land befindet sich seit drei Jahren in einer Rezession, und die neoliberale Vorgängerregierung konnte nicht einmal mit einem Rekorddarlehen von 56 Milliarden Dollar vom Internationalen Währungsfonds den Absturz aufhalten. Die Inflation war schon letztes Jahr eine der höchsten der Welt, immer mehr Menschen rutschten unter die Armutsgrenze. Nun, mit der weltweiten Corona-Pandemie, hat sich die Situation aber noch einmal zugespitzt. Kurz nach der Registrierung der ersten Infektionen hatte die argentinische Regierung im März eine landesweite und strenge Quarantäne verhängt. Die Infektionen nahmen aber dennoch immer schneller zu, und nach über 130 Tagen im Lockdown müssen immer mehr Geschäfte schließen. Öffentliche Suppenküchen halten mit dem Ansturm nicht mehr mit.

Ein Scheitern der Schuldenverhandlungen hätte das Land endgültig in den Abgrund gestoßen, darüber waren sich die meisten Experten und Politiker einig. Selbst der IWF attestierte, dass die Schuldenlast des Landes nicht mehr tragbar sei. Renommierte Wirtschaftswissenschaftler riefen die privaten Gläubiger auf, sich mit der argentinischen Regierung zu einigen, und diese verwies immer wieder auf die prekäre Lage im Land: "Während 50 Prozent der Kinder in Argentinien in Armut leben, können wir nicht die kurzfristigen Gewinne unserer Gläubiger erhöhen", sagte Wirtschaftsminister Martín Guzmán.

Am Ende waren beide Seiten nicht mehr weit voneinander entfernt: Argentinien hatte angeboten, 53,5 Dollar für einhundert geliehene Dollar zurückzuzahlen. Die Gläubiger aber forderten rund drei Dollar mehr. Wie genau die Einigung nun aussieht, ist noch nicht klar. Details sollen in den nächsten Wochen ausgearbeitet werden. Sicher ist nur jetzt schon, dass 65 Milliarden Dollar umgeschuldet werden sollen und Argentinien dabei ein erheblicher Teil seiner Schulden erlassen wird.

Für die argentinische Regierung und vor allem für Wirtschaftsminister Guzmán ist das ein riesiger Erfolg, gleichzeitig aber auch der Beginn weiterer Verhandlungen. Denn das Umschuldungsabkommen schließt nur einen Teil der Verbindlichkeiten Argentiniens ein. Insgesamt belaufen diese sich auf über 320 Milliarden Dollar, was rund 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.

© SZ vom 05.08.2020

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