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Argentinien:Grillen gegen den Albtraum

Ein Mann demonstriert gegen die Pandemie-Maßnahmen der Regierung.

(Foto: Ronaldo Schemidt/AFP)

Seit März im Lockdown - und trotzdem ist Argentinien eines der am schwersten von Corona betroffenen Länder.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Zwei Minuten und 23 Sekunden: Mehr brauchte Argentiniens Regierung am Freitag vergangener Woche nicht, um der Bevölkerung zu erklären, dass die landesweite Quarantäne schon wieder verlängert wurde. Noch mal drei Wochen mit Maskenpflicht selbst an der frischen Luft, weiterhin geschlossene Schulen, Kindergärten, Geschäfte und Restaurants. Ein Albtraum, eigentlich, und dennoch war die Nachricht für viele Argentinier nur noch eine Randnotiz. Während es früher bei jeder Verlängerung des Lockdowns eine Pressekonferenz mit Statistiken und Fragerunde gab, stellte die Regierung diesmal nur ebenjenes kurze Video ins Netz, kaum länger als zwei Minuten. Großer Erklärungen bedurfte es ohnehin nicht, denn auch wenn die Massenquarantäne schon mehr als ein halbes Jahr in Kraft ist, sind die Fallzahlen in Argentinien derzeit so hoch wie nie zuvor.

Einst wurde das Land wegen seines schnellen und strikten Lockdowns international gelobt. Mittlerweile aber wurden schon mehr als 600 000 Fälle registriert, Platz zehn weltweit, und bei den Neuinfektionen steht Argentinien derzeit sogar auf einem traurigen fünften Platz. Mehr als 10 000 Fälle wurden im Schnitt vorige Woche registriert, und allein von Montag auf Dienstag meldeten die Behörden mehr als 400 weitere Tote. All dies sind nur die offiziellen Zahlen. Denn während in Deutschland weniger als ein Prozent der Tests derzeit positiv sind, ist es in Argentinien jeder zweite, in Wahrheit dürften sich also viel mehr Menschen mit dem Erreger infiziert haben, als die Statistiken das derzeit wiedergeben.

Die Menschen sind quarantänemüde

Die niedrige Testrate ist einer der Gründe, weshalb Argentinien das Virus nicht in den Griff bekommt. Seit Beginn der Pandemie war vor allem Buenos Aires der am schwersten betroffene Hotspot. Die Hauptstadt Argentiniens ist abseits ihrer pompösen Prachtstraßen ein Moloch. 15 Millionen Menschen leben hier, unter teils prekären Bedingungen; in manchen Armenvierteln gibt es nicht einmal fließendes Wasser. Das Virus bewegt sich weitgehend unkontrolliert, und auch wenn noch strenge Auflagen gelten, hält sich nach einem halben Jahr fast niemand mehr an sie.

Freunde und vor allem Familie haben in Argentinien einen hohen Stellenwert. Samstags Mate-Tee trinken mit Freunden, sonntags grillen mit den Eltern, Tanten und Cousins: So war das bisher und so ist das, in abgeschwächter Form, auch heute wieder. Die Menschen sind quarantänemüde, gleichzeitig aber auch verzweifelt.

Schon vor Corona war die wirtschaftliche Lage schwierig und Argentinien hoch verschuldet. Mehr als 300 Milliarden Dollar Schulden hat das Land bei internationalen Geldgebern. Mit einigen Gläubigern konnte sich die Regierung zwar mit viel Mühe und Geschick auf einen Schuldenschnitt einigen - ein großer Erfolg. Aber das ist nicht genug, um das Desaster abzuwenden, das sich zusammenbraut.

Menschenleben seien wichtiger als die Wirtschaft, hatte Präsident Alberto Fernández zu Beginn der Corona-Krise gesagt, und tatsächlich ist die Todeszahl mit derzeit etwas mehr als 13 000 längst nicht so hoch wie in Ländern wie Spanien, Italien oder Peru. Gleichzeitig aber mussten schon jetzt Tausende Geschäfte allein in der Hauptstadt schließen, überall sieht man "Zu vermieten"-Schilder in Schaufenstern. Fast die Hälfte der Argentinier hat keinen festen Arbeitsvertrag, vor der Pandemie haben sie ihr Geld als Haushaltshilfe verdient, auf dem Bau oder mit einem Grillstand am Straßenrand. Jetzt haben viele ihren Job verloren, an den Suppenküchen ziehen sich die Schlangen mittlerweile über mehrere Straßenblöcke.

Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht. Zwar sinken die Fallzahlen in Buenos Aires zaghaft, dafür aber breitet sich der Erreger nun im Landesinneren aus. Die langfristigen Folgen der Pandemie für Argentinien sind ohnehin kaum abzusehen. In Buenos Aires und der gleichnamigen Provinz, wo ein Drittel der Argentinier wohnt, sind die Schulen und Kindergärten seit Beginn des Schuljahres im März geschlossen, eine Rückkehr vor Beginn der Ferien im Dezember ist so gut wie ausgeschlossen. Viele Kinder und Jugendliche haben längst den Anschluss verloren, Tausende sind vollkommen aus dem System gefallen.

Gleichzeitig denken im einstigen Einwandererland Argentinien immer mehr über das Auswandern nach. Mehr als 15 000 sollen seit Beginn der Pandemie allein nach Uruguay emigriert sein, und jeden Tag gingen neue Anfragen ein, sagen die dortigen Behörden. Nur ein paar Stunden sind es mit der Fähre von Buenos Aires über den Rio de la Plata bis nach Uruguay, einem Land, das einst die Schweiz Südamerikas genannt wurde, nun aber mit Neuseeland verglichen wird. Denn dank breiter Tests und guter Gesundheitsversorgung wurden insgesamt nicht einmal 2000 Fälle registriert, und lediglich 46 Menschen starben.

© SZ vom 23.09.2020

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