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Argentinien:Dollarscheine unter der Matratze

„Kämpfe, und sie werden gehen!“ Ein Schriftzug in Buenos Aires ruft zum Protest gegen die Regierung Macri auf.

(Foto: Natacha Pisarenko/AP)

Schlangen vor den Banken, Demonstrationen auf der Prachtstraße: Das Land kämpft mit einer verheerenden Wirtschaftskrise. Viele Menschen bereiten sich auf das Schlimmste vor.

Es stehen jetzt Zelte auf der 9 de Julio. Die Prachtmeile mitten im Zentrum der argentinischen Millionenmetropole Buenos Aires ist eine der breitesten Straßen der Welt. Autos, Motorräder, Taxis und Busse schieben sich hier normalerweise über mehr als ein Dutzend Fahrstreifen, vorbei am obelisco, dem weißen Obelisk, der das Wahrzeichen der Stadt ist, errichtet in einer Zeit, als Argentinien noch ein Land im Aufschwung war. Nun stehen in seinem Schatten kleine bunte Zelte, Feuer brennen auf dem Asphalt, darüber dampfende Suppentöpfe. Es war kalt diese Nacht, trotzdem sind viele Demonstranten geblieben. "Wir müssen uns wehren", sagt Emilia Solanes. Die 35-Jährige ist mit ihrer Familie von einem Vorort im Großraum Buenos Aires bis ins Zentrum gekommen. "Die Leute sollen sehen, dass es uns auch noch gibt", sagt sie. "Sie sollen wissen, dass wir nicht schlafen können, weil wir Hunger haben, während sie in ihren schönen warmen Betten liegen."

Alles ist möglich, auch der Zahlungsausfall. Argentinien wäre dann bankrott, mal wieder

Argentinien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise: Die Inflation ist eine der höchsten der Welt, und ein Drittel der Bevölkerung lebt mittlerweile unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit steigt unaufhörlich, die Industrieproduktion sinkt, und alles ist möglich, auch der default, der Zahlungsausfall. Argentinien wäre dann bankrott, mal wieder.

Präsident Mauricio Macri kämpft, zuletzt hat er Kapitalkontrollen eingeführt, Unternehmen müssen sich nun eine Erlaubnis von der Notenbank holen, wenn sie größere Mengen Devisen kaufen wollen. Privatpersonen können nur noch Peso im Wert von maximal 10 000 Dollar pro Monat umtauschen. Summen, die weit entfernt sind von dem, was Menschen wie Emilia Solanes verdienen. Dass aber ausgerechnet der marktliberale Präsident Macri zu solchen Maßnahmen greift, zeigt, wie kritisch die Lage ist. Längst haben sich auch vor den Banken lange Schlangen gebildet. Sparer wollen ihr Geld in Sicherheit bringen, und die argentinische Geschichte hat viele Bewohner des südamerikanischen Landes gelehrt: Den Zugang zu einem Konto kann die Regierung sperren. Wer seine Dollarscheine unter der Matratze hat, schläft besser.

Begonnen hatten die jüngsten Turbulenzen Anfang August. In den Vorwahlen für das Präsidentenamt, einer Art Stimmungstest, hatte Mauricio Macri haushoch gegen seine Kontrahenten von der peronistischen Partei verloren, das Duo Alberto Fernández und Cristina Fernández de Kirchner. Fast 15 Prozent mehr Stimmen bekamen sie, ein Ergebnis, mit dem so niemand gerechnet hatte. Innerhalb weniger Stunden verlor die Landeswährung fast ein Viertel ihres Werts gegenüber dem Dollar, die Kurse an der Börse stürzten ab, alles aus Angst der Unternehmer und Anleger vor einem Sieg der Peronisten.

Nach vier Jahren neoliberaler Regierung fürchten viele die Rückkehr zur rigiden Wirtschaftspolitik von Macris Vorgängerin: Eben jene Cristina Kirchner, die sich nun um das Amt der Vizepräsidentin bewirbt. Von 2007 bis 2015 regierte sie das Land, zunächst mit Erfolg, die weltweite Rohstoff-Gier in den Nullerjahren bescherte Argentinien einen Wirtschaftsboom, und die Einnahmen steckte Kirchner in Sozialprogramme und Subventionen für Gas, Strom, Transport und die heimische Industrie. Kaum aber fielen die Preise, wurde das Geld knapp, die Inflation stieg, die Regierung reagierte mit Exportbeschränkungen, festgeschriebenen Preisen und eben jenen Kapitalkontrollen, die Macri erst abgeschafft, nun aber wieder eingeführt hat.

Mit ihrer Politik brachte die damalige Präsidentin vor allem die Landwirtschaft gegen sich auf, jenen Sektor in der argentinischen Gesellschaft, aus dem sich seit zwei Jahrhunderten die politische und wirtschaftliche Elite rekrutiert. Als Kirchner die Steuern auf Agrarexporte anhob, kam es darum zu Protesten, die teilweise das ganze Land lahmlegten. Kirchner blieb stur, die landwirtschaftliche Produktion sank in den folgenden Jahren, die Exporte schrumpften. Teilweise verkaufte das kleine Uruguay mehr Fleisch in die Welt als der große südliche Nachbar Argentinien, und dort wuchsen auf den Feldern riesige weiße Plastikwürste, in denen die Bauern ihre Mais- und Sojaernte einlagerten, immer in der Hoffnung, dass die Exportabgaben irgendwann einmal fallen würden.

Man habe die Lage im Land unterschätzt, gibt auch die frühere IWF-Chefin zu

Dann kam 2015 Mauricio Macri an die Macht, ein Unternehmer, der selbst im Agrarsektor investiert hat. Er senkte die Steuern auf landwirtschaftliche Exporte, schaffte Handelsbeschränkungen ab und gab den Peso wieder frei. Die Märkte jubelten, doch bald war klar, dass Geldgeber trotz allem nicht gerade Schlange standen, um im Land zu investieren. Macri kürzte bei Sozialprogrammen und strich Subventionen, gleichzeitig nahm er immer mehr Schulden auf, 101 Milliarden Dollar bisher, davon die Rekordsumme von 57 Milliarden allein beim Internationalen Währungsfonds. Doch all das half nicht.

Man habe die Situation in Argentinien unterschätzt, gab mittlerweile auch die ehemalige Chefin des IWF, Christine Lagarde, zu. "Die wirtschaftliche Lage hat sich als unglaublich kompliziert erwiesen", sagte sie im Juni. Inzwischen ist klar, dass diese Einschätzung sogar noch untertrieben war. Drei Millionen Argentinier sind allein in den letzten zwölf Monaten unter die Armutsgrenze gerutscht, bis zum Ende des Jahres könnte die Inflation auf 55 Prozent steigen und die Wirtschaft nächstes Jahr um fünf Prozent schrumpfen. Am 27. Oktober sind Wahlen, kaum jemand zweifelt an einem Sieg von Alberto Fernández und Cristina Kirchner. Wie es danach weitergehen wird, ob die neue Regierung ihre Schulden zahlen wird, ob die Kapitalkontrollen wieder aufgehoben werden, ob neue Handelsschranken kommen: alles ungewiss.

In der Pampa zieht derweil langsam der Frühling ein. Die Bauern müssen säen, viele greifen dabei zu Soja, weil die Investitionen hier gering sind. Wer möchte schon etwas riskieren in diesen unsicheren Zeiten? Auf der 9 de Julio haben die Demonstranten gleichzeitig vor dem Ministerium für soziale Angelegenheiten ihre Zelte aufgestellt. Sie fordern mehr Sozialprogramme und niedrigere Preise für Grundnahrungsmittel. Viele richten sich darauf ein, gleich ein paar Nächte, notfalls auch Wochen zu bleiben.