Argentinien Der Preis der Arroganz

Die Liebe habe über den Hass gesiegt: Dieser Meinung ist ein Anhänger Daniel Sciolis.

(Foto: imago/Xinhua)

Endet in Argentinien bald eine politische Ära? Cristina Fernández de Kirchners Wunschnachfolger Daniel Scioli muss im zweiten Wahldurchgang in die Stichwahl gegen Mauricio Macri.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Daniel Scioli kletterte erstaunlich früh auf die Bühne, um zu seinen Anhängern zu sprechen. Es war ein seltsamer Auftritt dieses seltsamen Kandidaten der Regierungspartei Front für den Sieg. Er trat weder wie ein Sieger noch wie ein Verlierer auf. Wie auch? Zu diesem Zeitpunkt, gegen 22 Uhr Ortszeit, gab es bei den argentinischen Präsidentschaftswahlen noch keine offizielle Hochrechnung, geschweige denn ein verlässliches Ergebnis. Der Peronist Scioli hielt eine Wahlkampf-rede vor einem Publikum voller fragender Gesichter, in der er wie nie zuvor gegen sei-nen liberal-konservativen Konkurrenten Maurício Macri wetterte. "Zwei Visionen von Argentinien stehen auf dem Spiel", rief Scioli. Das Wort "Stichwahl" kam in der Rede nicht vor, obwohl der Redner offenbar schon ahnte, dass ihm ein zweiter Wahl-gang blüht: am 22. November gegen Macri. Scioli schloss mit der Ankündigung, er werde in einer Stunde zurück sein, wenn es konkrete Ergebnisse gebe. Und ward die ganze Nacht nicht mehr gesehen.

Einerseits verständlich. Als die offiziellen Zahlen weit nach Mitternacht durchsickerten, stand fest, dass Scioli sein Wahlziel weit verfehlt hatte. Er wollte am Sonntag gleich im ersten Wahlgang Präsident werden. Dafür hätte er 45 Prozent der Stimmen oder zehn Prozentpunkte Vorsprung gebraucht. Alle Umfragen im Vorfeld deute-ten darauf hin, dass es klappen könnte. Tatsächlich kam Scioli aber nur auf rund 37 Prozent, Macri landete mit gut 34 Prozent denkbar knapp dahinter. Das ist ein schwerer Schlag für das peronistische Parteienbündnis und weit mehr als ein Achtungserfolg für den Oppositionskandidaten Macri.

Scioli hatte also gute Gründe, sich hinter den Kulissen zu schämen. Gleichzeitig lieferte sein verwirrendes Verhalten in der Wahlnacht auch schon einen Erklärungsansatz für dieses Ergebnis. Seine gesamte Kampagne bestand im Grunde aus Widersprüchen. Mal versuchte der 58-Jährige, sich von der scheidenden Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zu emanzipieren, mal probte er den Schulterschluss. Mal gab er sich als interner Reformer, mal als treuer Kirchnerist. Mal kündigte er eine liberale Wirtschaftspolitik an, mal die Fortsetzung des Klassenkampfes. Am Ende wussten nur noch die wenigsten, wo er eigentlich hin will mit diesem Land.

Die Präsidentin selbst hatte Scioli aus Mangel an Alternativen als ihren Wunschnachfolger präsentiert, ihn im Wahlkampf aber allenfalls halbherzig unterstützt. Ihre immer noch erstaunliche Popularität hat sie ihm jedenfalls nicht vererbt. Vermutlich ließ sich Daniel Scioli aber auch von den erschreckend ungenauen Prognosen der Meinungsforscher einlullen, die ihm allesamt einen komfortablen Vorsprung vor-hergesagt hatten. Nur so ist zu erklären, dass er kurz vor der Wahl das Fernsehduell aller Kandidaten schwänzte. Scioli war schlichtweg der Auffassung, dass er es nicht nötig habe, mit seinen Konkurrenten zu diskutieren. Das kam auch bei der eigenen Klientel als feige und arrogant an.

Immerhin ist Scioli so den Erwartungsdruck des großen Favoriten los. Für die Stichwahl im November scheint wieder alles offen zu sein. Viele Experten sehen nun sogar Mauricio Macri, 56, im Vorteil. Der langjährige Bürgermeister von Buenos Ai-res rief in der Nacht zum Montag nach Bekanntgabe der Hochrechnungen seinen ekstatischen Anhängern zu: "Was heute passiert ist, hat die Politik des Landes für immer verändert." Ohne allzu konkret zu werden, war "Veränderung" sein Hauptversprechen im Wahlkampf. Macris Parteienbündnis nennt sich "Cambiemos" (Lasst uns etwas verändern!). Der schwerreiche Unternehmer, der zwölf Jahre lang Präsident des Fußballvereins Boca Juniors war, steht für einen klaren Rechtsruck im Land. Aber im Gegensatz zu Scioli scheint er es im Wahlkampf zumindest in Ansätzen geschafft zu haben, den traditionellen Graben der argentinischen Gesellschaft zu überwinden. Er hat es ganz bewusst vermieden, sich als Anti-Peronist zu positionieren. Wenige Tage vor der Abstimmung weihte er sogar eine Statue von Juan Domingo Perón ein. Das machte ihn offenbar auch für enttäuschte Anhänger der Regierung Kirchner wählbar.

Am 22. November geht es nun vor allem darum, wie sich die Anhänger von Sergio Massa verhalten, der am Sonntag mit gut 20 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz landete. Massa war mal Kabinettchef unter Cristina Kirchner, gründete aber nach einem Streit mit der Chefin seine eigene Partei. Scioli ist auf Massas Protestwähler angewiesen. Ansonsten endet im November nicht nur die Ära Kirchner, sondern auch die der peronistischen Regierungen. Die Bewegung hat am Sonntag einen weiteren schweren Schlag erlitten. In der bevölkerungsreichen Provinz Buenos Aires, traditionell eine Bastion des Peronismus, siegte bei den Gouverneurswahlen überraschend die Oppositionskandidatin María Eugenia Vidal.