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Antisemitismus:Die Allgegenwart des Hasses

Five Injured In Stabbing Attack At Rabbi's Home During Hanukkah Party

Menschen treffen sich vor dem Haus von Rabbi Chaim Rottenberg in Monsey, New York. Zuvor waren bei einer Feier zum jüdischen Lichterfest Chanukka fünf Menchen verletzt worden.

(Foto: Stephanie Keith/Getty Images/AFP)

Auch in New York grassiert immer mehr Antisemitismus, und auch in Deutschland fühlen sich Juden bedroht. Die Spirale von Ausgrenzung und Gewalt kann nur Aufklärung durchbrechen.

Ausgerechnet New York, ausgerechnet jene Stadt, die sich ihrer religiösen Toleranz rühmt, und sei es nur deshalb, weil das Leben dort keine Zeit lässt für religiös motivierten Hass. In New York ist jüdisches Leben in all seinen Strömungen präsent, nirgendwo auf der Welt außerhalb Israels leben mehr Juden als in dieser Stadt. Nun spricht der Gouverneur von Terrorismus, und ein spürbar nervöser Präsident twittert seine Abscheu in die Welt hinaus.

Die globale Antisemitismus-Welle hat tatsächlich Crown Heights erreicht, jenen Hügel in Brooklyn, der als Zentrum jüdischer Kultur symbolisch über den Abgründen thronen sollte, in denen der Judenhass ansonsten zu finden ist. Antisemitische Straftaten sind in New York City allein im vergangenen Jahr um 21 Prozent gestiegen, der Trend deckt sich mit Zahlen aus dem gesamten Land und auch mit einer Entwicklung, die überall in der (westlichen) Welt zu beobachten ist. Halle, Paris, London, die Labour-Partei sind markante Beispiele: Alle seriösen Statistiken belegen einen rasanten Zuwachs an antisemitischer Denke und vor allem auch an antisemitischen Straftaten. Der Pianist Igor Levit hat gerade in alarmierenden Worten seine persönliche Erfahrung mit Todesdrohungen aufgeschrieben. Sie zeugen von der Allgegenwart des Hasses.

Kriminalität Verletzte bei Messerangriff auf Chanukka-Feier
USA

Verletzte bei Messerangriff auf Chanukka-Feier

Ein Mann stürmt nahe New York in das Haus eines Rabbis und sticht auf Gäste ein. Politiker zeigen sich entsetzt über die Tat.

Antisemitismus steigt aus dem Klärbecken der Geschichte empor wie Faulgas, immer wieder tritt er den Beleg seiner Unverwüstlichkeit an, immer wieder erweist er sich als eine der hartnäckigsten Stereotype, die sich die Menschheit zugelegt hat. Selbst wenn der Chanukka-Attentäter von New York, der fünf Menschen zum Teil schwere Stichwunden zufügte, unzurechnungsfähig gewesen sein sollte - diese Angriffe gedeihen auf einem Boden, der zuletzt wieder heftig gedüngt und beackert wurde. Antisemitismus ist Indikator für große gesellschaftliche Brüche, für die Verschiebung von Normen und Regeln. Im Zeitalter der Clanbildung, der Tribalisierung, der Abschottung und Ausgrenzung ist Antisemitismus Indiz für eine fragmentierte und aggressive Welt. Der Zuwachs an antisemitischen Straftaten zeugt von wachsender Gewaltbereitschaft und sinkender Toleranz. Gesellschaften suchen Feindbilder, uralte Stereotype werden wiederbelebt, Mythen gepflegt, überkommene Sprachbilder wiederentdeckt.

In den USA ist der Antisemitismus nicht zuletzt an den Universitäten groß geworden, wo eine vermeintlich korrekte Verhaltenskultur zu den absurdesten Dogmen für Politik und Religion geführt hat. Antisemitismus verbreitet sich auch deshalb rasant, weil die Vermischung von religiösem und politischem Hass im Fall des Judentums und des Staates Israel die Konfliktmenge potenziert. Donald Trump selbst hat sich in diesem Dickicht verheddert, weil er Antisemitismus und Israel-Kritik gleichgesetzt hat.

Antisemitismus ist seit jeher Zeichen einer gefährlichen gesellschaftlichen Enthemmung. Haltlosigkeit gebiert Zorn, Aggression, Gewalt - und am Ende gar Fanatismus. Der Zyklus ist bekannt, seit Hunderten Jahren. Nur Aufklärung kann ihn stoppen.

© SZ vom 31.12.2019
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