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Anti-Banken-Proteste in den USA:Die Occupy-Romantiker werden pragmatisch

Überstehen die Occupy-Besetzer überhaupt den Winter? Mancher bezweifelte das. Seit die Polizei das Camp im New Yorker Zuccotti Park geräumt hat, ist die Bewegung heimatlos. Doch für einige Aktivisten hat gerade dies positive Nebenwirkungen: Die Bewegung verändert sich, man diskutiert ganz neue Strategien - von Hausbesetzungen bis zur Gründung einer eigenen Bank.

Jörg Häntzschel

Mark Greif, einer der Herausgeber der Brooklyner Kulturzeitschrift n+1, sitzt auf einer Bank am Union Square in der Sonne und isst gegrilltes Huhn aus der Styroporbox. Viel Zeit hat der 38-Jährige, der im Hauptberuf Literaturdozent an der New School University ist, nicht. Zwar verbringt er, seit die Zeltstadt von Occupy Wall Street Mitte November geräumt wurde, die Abende wieder zu Hause statt im Zuccotti Park. Andererseits tut er, was er kann, um der neuerdings heimatlosen Bewegung neue Spielorte und -formen zu geben.

A man walks past the Occupy DC tent camp during the morning rush hour at McPherson Square in Washington

An über 600 Orten wie hier in Washington hatte die amerikanische Occupy-Bewegung im Herbst ihre Lager aufgeschlagen.

(Foto: REUTERS)

Eben hat n+1 die dritte Ausgabe von "Occupy!" veröffentlicht, eine Art Fanzine der Besetzer. Und am vergangenen Sonntag veranstaltete er - unabhängig von der General Assembly, dem Entscheidungsforum von Occupy - eine Konferenz in der New School University, bei der ehemalige Besetzer, Veteranen der Linken und Sympathisanten aus dem akademischen Lager über den weiteren Weg der Bewegung diskutierten. Anzeichen für die Zäsur, die Occupy hinter sich hat, gab es dort viele. Als Erstes fielen einem das Podium und die Mikrofone auf, jene Instrumente der politischen Widerrede, die Occupy mit seinem "human microphone" eigentlich für obsolet erklärt hatte.

Die Redaktion der kapitalismuskritischen kanadischen Zeitschrift Adbusters, deren Blog die Besetzung ursprünglich ausgelöst hatte, schlug am Tag vor der Räumung des Zuccotti Parks vor, die Bewegung solle sich zum Sieger erklären, die Zelte abbrechen und den Winter zum Nachdenken über das weitere Vorgehen nützen. Manche hielten die Räumung durch die Polizei insgeheim für die noch bessere Variante. Die Besetzer mussten sich geschlagen geben - aber sie gingen erhobenen Hauptes und nicht nur, weil sie dem Winter nicht länger standhielten. Die Empörung über die Brutalität der Nacht-und Nebel-Aktion führte ihr sogar noch einmal frische Energie zu.

Auch für Greif hatte die Räumung eine positive Nebenwirkung, hatte die Besetzung gegen Ende doch eine beunruhigende Phase erreicht: "Zu uns kamen alle, die sonst niemand haben will: Obdachlose, Junkies, psychisch Kranke. Wir konnten gar nicht genug Helfer finden, um alle diese Leute zu betreuen."

Öffentlicher Raum im privaten Besitz

Dass nicht nur Zuccotti, sondern alle Occupy-Camps in den größeren amerikanischen Städten mittlerweile geräumt sind, hält er dennoch für einen Verlust, der Occupy gefährlich werden könne. "Der Park war ein Modell für die Idealgesellschaft, aber er war auch ein Ebenbild der amerikanischen Kleinstadt. Wir hatten die Bibliothek, das Rathaus, den Arzt und den Diner."

Ohne einen Ort, der diese unmittelbare Verständigung ermöglicht; der da ist, auch wenn die Demonstranten es mal nicht sind, sei die Mobilisierung viel schwerer. Twitter und Facebook, so wichtig sie auch gewesen seien, könnten das nicht kompensieren. Die General Assembly und die Occupy-Arbeitsgruppen treffen sich weiterhin: Manchmal im Zuccotti Park, meistens aber im geheizten Atrium von 60 Wall Street, dem Hochhaus, in dem die Deutsche Bank ihr New Yorker Hauptquartier hat. Wie der Park ist auch die palmenbestandene Halle öffentlicher Raum im privaten Besitz.

Einige neue Strategien haben die Occupy-Leute schon entwickelt. Weit draußen in Brooklyn besetzten sie leerstehende, zwangsvollstreckte Häuser. Es war ein naheliegendes Ziel: Es gibt nichts, was die Auswüchse des deregulierten amerikanischen Finanzsystems besser illustriert, als die zu Hunderttausenden leerstehenden Häuser, die den Banken gehören, nachdem ihre Schuldner die halsbrecherischen Kredite nicht mehr bedienen konnten. Außerdem suchte man Unterkünfte für die, die ihre Wohnung verloren hatten.

Doch wie erfolgreich solche Aktionen weit weg vom Druckverstärker Manhattan sind, ist schwer zu sagen. Aussichtsreicher scheinen da schon die Pläne, die Universitäten ins Visier zu nehmen. Mit Studiengebühren von oft mehreren zehntausend Dollar pro Jahr bei gleichzeitig dürftigen Jobaussichten gehören die Studenten zu den großen Verlierern der Rezession. Seit ein Polizist der Uni-Polizei friedlich dasitzende Occupy-Demonstranten auf dem Campus der University of California in Davis mit Pfefferspray traktierte wie Ungeziefer, hat sich das Verhältnis zwischen Studenten und Universitäten eingetrübt.

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