Anschlag in Berlin Rätsel um Anis Amri

Zwei Fahndungsfotos von Anis Amri, dem Hauptverdächtigen des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz (herausgegeben vom Bundeskriminalamt).

(Foto: REUTERS)
  • Die Bundesanwaltschaft fahndet öffentlich nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter auf einem Berliner Weihnachtsmarkt.
  • Der Tatverdächtige ist bei den Behörden kein Unbekannter: Im November tauchte er noch auf dem Infoboard des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums auf.
  • Der Innenausschuss des Bundestages hat eine Vermutung, wie Amri bis zum Anschlag von der Bildfläche verschwinden konnte.
Von Thorsten Denkler

Und dann war Anis Amri plötzlich weg. Nicht mehr aufzufinden. Im November noch taucht er auf dem Infoboard des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums (GTAZ) von Bund und Ländern auf. Wer hier behandelt wird, der ist kein Kleinkrimineller. Sondern jemand mit Drähten zu Terroristen, zu Islamisten, sogenannte Gefährder. 250 gibt es bundesweit. Einer von ihnen: Anis Amri, ein 24-jähriger, gebürtiger Tunesier. Gegen Amri hat das Landeskriminalamt NRW schon vor einiger Zeit ein Verfahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat eingeleitet.

Es hat gedauert, bis das Bundeskriminalamt auf Amri umschwenkte

Seit diesem Mittwoch ist aus dem Gefährder Anis Amri der im Moment Haupttatverdächtige für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz geworden. Im Fußraum des Sattelschleppers, der am Montagabend durch die Menschenmenge raste und mindestens zwölf Menschen den Tod brachte, ist eine Geldbörse gefunden worden. Darin offenbar auch Aufenthaltspapiere von Amri.

Es hat etwas gedauert, bis das Bundeskriminalamt auf Amri als Tatverdächtigen umschwenkte. Am Dienstagabend musste ein Pakistaner auf freien Fuß gesetzt werden. Er war eine Stunde nach der Tat an der Siegessäule in Berlin von einer Funkstreife festgenommen worden. Er schien der Mann zu sein, der nach ersten Augenzeugenberichten unmittelbar nach der Tat aus dem LKW gestiegen und geflohen war.

Eine falsche Annahme. Die Spurensicherung konnte ihn nicht mit dem LKW in Verbindung bringen. Keine Faserspuren, keine Blutspuren, keine Schmauchspuren von dem Schuss auf den polnischen LKW-Fahrer, der - wie die Obduktion des Mannes offenbar gezeigt hat - erst kurz vor dem Anschlag getötet wurde.

Inzwischen läuft die Fahndung öffentlich

Am Morgen hat deshalb das BKA den neuen Tatverdächtigen zur stillen Fahndung ausgeschrieben. Die Stille hielt jedoch nicht lange. Schnell sickerte durch, dass es einen neuen Tatverdächtigen gibt. Sogar erste Fotos des Verdächtigen kursieren im Netz. Inzwischen läuft die Fahndung öffentlich.

Ab Mittag informieren Innenminister Thomas de Maizière, die Chefs der Sicherheitsbehörde sowie der Generalbundesanwalt Peter Frank die Abgeordneten im Innenausschuss des Bundestages.

In der Sitzung erfuhren die Abgeordneten manches Detail. Etwa, dass die Waffe, mit der der polnische LKW-Fahrer erschossen wurde, keine herkömmliche Pistole gewesen sei. Sondern eher eine Art "Schießinstrument", wie Teilnehmer berichteten, etwas womöglich Selbstgebasteltes. Das könnte auch die Frage klären, warum der Täter auf der Flucht nicht noch wahllos Menschen erschossen hat. Womöglich war er mit diesem Schießinstrument dazu gar nicht in der Lage.

Amri hielt sich abwechselnd in Nordrhein-Westfalen und Berlin auf

Bestätigt wurden auch Gerüchte, wonach Amri im Sommer einen Tag in Abschiebehaft saß. Er ist erst Ende 2015 über Italien nach Deutschland eingereist, hat aber keinen Asylstatus bekommen. Er wurde lediglich geduldet, weil seine Identität nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Das ist auch der Grund, weshalb die eintägige Abschiebehaft so schnell wieder aufgehoben wurde. Bislang nicht bekannt ist, wo er in Abschiebehaft saß.

Ralf Jäger, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, erklärte am Nachmittag, dass erst an diesem Mittwoch die Ersatzpapiere für Amri aus Tunesien eingetroffen seien. Eine reguläre Abschiebung wäre demnach erst jetzt tatsächlich möglich gewesen.

Amri hat sich bis November wechselnd in NRW und in Berlin aufgehalten. Sein Lebensmittelpunkt soll aber Berlin gewesen sein. Die vielen Reisen hin und her könnten auch ein Grund sein, weshalb er ab November offenbar aus dem Blickfeld der Behörden verschwand. Je nach Aufenthaltsort war entweder NRW oder Berlin für die Beobachtung von Amri zuständig. In dem ständigen Hin und Her der Zuständigkeiten muss er wohl verloren gegangen sein, vermuten Teilnehmer der Innenausschuss-Sitzung.

Ein Abgeordneter der Linken will falsche Spuren nicht ausschließen

Dass Amri im November noch auf dem Infoboard des GTAZ auftauchte, hängt womöglich mit einer Reihe von Festnahmen zusammen, die es im November gab. Es wurden etwa fünf Verdächtige festgenommen, weil sie angeblich Freiwillige für den IS angeworben haben. Darunter sei auch der mutmaßliche Islamist Abu Walaa gewesen. Kurz zuvor hatte die Berliner Polizei einen 27-Jährigen festgenommen, weil er angeblich als IS-Mitglied einen Anschlag geplant haben soll. Der Haftrichter sah jedoch keinen dringenden Tatverdacht. Der Mann ist dennoch in Haft: wegen Urkundenfälschung. Mit wenigstens einer der Personen soll Amri in engerem Kontakt gestanden haben.

Ob aber Amri mehr ist als ein Tatverdächtiger, muss sich jetzt erst noch herausstellen. Der Linken-Abgeordnete Frank Tempel etwa, Mitglied im Innenausschuss und selbst in seinem früheren Leben viele Jahre Kriminalpolizist gewesen, hat noch einen anderen Ansatz: Er will nicht ausschließen, dass mit der Geldbörse im Führerhaus des Lkw absichtlich eine falsche Spur gelegt worden sei. Auch dieser These müssten die Ermittlungsbehörden jetzt nachgehen. Es sei "eher ungewöhnlich, dass ein Terrorist seine Börse samt Ausweispapieren am Tatort hinterlegt", sagt Tempel.

Eine offene Frage. Und längst nicht die einzige am Tag zwei nach dem Anschlag.

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