Terrorismus Hatte Anis Amri einen mysteriösen Helfer?

Der von Anis Amri gesteuerte Attentats-Lkw am Berliner Breitscheidplatz

(Foto: dpa)
  • Einem Medienbericht zufolge hatte Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, einen Helfer, der nach der Tat rasch abgeschoben wurde.
  • Dieser Helfer soll angeblich Kontakte zum marokkanischen Geheimdienst gehabt haben.
  • Belastbare Beweise fehlen jedoch, und auch die Agententheorie steht auf einer sehr dünnen Grundlage.
Von Florian Flade und Ronen Steinke, Berlin

Hatte Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, einen Helfer? Jemanden, der ihm in der Hauptstadt zur Hand ging? Und stand der womöglich unter dem Schutz des marokkanischen Geheimdienstes? Und wollte - noch schlimmer - die Bundesregierung, als sie dies womöglich nach dem Anschlag am 19. Dezember 2016 erfuhr, die ganze Sache vertuschen, indem sie Anis Amris Helfer Hals über Kopf außer Landes brachte, mit einem Abschiebeflug nach Tunesien? Ganz schön steile Thesen sind das, mehr als zwei Jahre nachdem in Berlin beim bislang größten islamistischen Anschlag auf deutschem Boden zwölf Menschen ermordet worden sind. Zu solchen Thesen ermutigt sehen sich manche Parlamentarier nun durch ein Video, das keiner von ihnen gesehen haben will - und durch die Aussage eines Zeugen, der im Koma liegt.

Es geht um den bekannten Fall eines Islamisten, dem sich längst viele Tausend Seiten Akten widmen: Bilel Ben A., ein tunesischer Landsmann Amris, damals 26 Jahre alt. Nach dem Anschlag stand er im Verdacht, Komplize zu sein. Noch am Abend zuvor hatte er mit Amri gemeinsam gegessen. Er hatte Fotos vom Breitscheidplatz auf seinem Handy. Trotz intensiver Ermittlungen konnten das Bundeskriminalamt und der Generalbundesanwalt den Verdacht aber nicht erhärten.

Ein alter Bekannter und ein neuer Verdacht

Man konnte Bilel Ben A. nicht einsperren. Und so stellten sich die Ermittler nicht in den Weg, als die Bundesregierung schon am 1. Februar 2017 den islamistischen "Gefährder" Bilel Ben A. nach Tunesien abschieben ließ. Eine "überhastete Abschiebung" sei das gewesen, kritisierte nun am Freitag die Linken-Abgeordnete Martina Renner, Mitglied im Amri-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Es müsse geklärt werden, "ob hier Interessen von Geheimdiensten über Strafverfolgung und Aufklärung gestellt wurden".

Woher kommt nun der neue Verdacht, Bilel Ben A. sei ein Terror-Helfer gewesen? Das Nachrichtenmagazin Focus behauptet, es gebe ein bislang "unter Verschluss gehaltenes Video" einer Überwachungskamera. Man sehe den Moment nach dem Anschlag. Amris Lastwagen ist gerade zum Stehen gekommen. Aus großer Entfernung sei zu sehen, wie nun ein Mann, bei dem es sich um Bilel Ben A. handeln könnte, einen Zeugen mit einem Kantholz niederschlage, um Amri die Flucht zu ermöglichen.

Ein solches Video war am Freitag zwar weder den Mitgliedern der Amri-Untersuchungsausschüsse noch dem Geheimdienst-Kontrollgremium des Bundestages bekannt. Der FDP-Politiker Marcel Luthe aber verweist auf eine Zeugenaussage, die zu diesem angeblichen Video passe: Ein Zeuge hatte am Abend des Anschlags beklagt, dass ihn in unmittelbarer Nähe zu Amris stehen gebliebenem Lastwagen jemand aufgefordert habe wegzugehen. Dann habe er einen Schlag erlitten, "mit einem stumpfen Gegenstand an der Schläfe". Aufgrund seiner Verletzungen wurde der Zeuge am Abend in ein künstliches Koma versetzt. Bis heute ist er nicht aufgewacht. Ist das ein belastbarer Beweis?

Dünne Grundlage für die Agententheorie

Und warum - zweite Frage - soll nun Bilel Ben A. ein V-Mann des marokkanischen Geheimdienstes gewesen sein, wie ebenfalls der Focus nahelegt? Bekannt ist: Marokkos Nachrichtendienst DGST übermittelte den Deutschen im September und Oktober 2016 Warnhinweise. Die Marokkaner waren offenbar gut informiert, sie warnten vor Anis Amri, der die Bundesrepublik als "Land des Unglaubens" bezeichne und ein "Projekt" plane. Den Dossiers beigefügt waren Fotos, sie zeigten Amri und andere Islamisten aus Berlin. Aber kann man daraus den Schluss ziehen, dass die Marokkaner einen Undercover-Informanten in Amris Freundeskreis eingeschleust haben müssen - und dass dies Bilel Ben A. war?

Der marokkanische Dienst selbst schrieb, er sei durch bloße Internet-Überwachung an diese Informationen gekommen. Und tatsächlich: Viele der Fotos aus dem marokkanischen Dossier finden sich auf Facebook-Seiten von Amris Freunden. Für die V-Mann-Theorie ist das eine sehr dünne Grundlage.

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