bedeckt München 16°

Al-Qaida in Syrien:Experten warnen vor allzu düsteren Szenarien

Allerdings gibt es auch Experten aus anderen angesehenen "Think Tanks" Amerikas, die vor allzu düsteren Zukunftsszenarien warnen. "Al-Qaidas Verwicklung in Syrien wird übertrieben", stellt Elizabeth O'Bagy vom Washingtoner Institute for the Study of War lapidar fest. Sie ist Autorin einer ausführlichen Studie über den "Dschihad in Syrien", die erst vor wenigen Tagen erschienen ist.

Gewiss sei die Gefahr einer Unterwanderung der syrischen Opposition durch islamistische Gotteskrieger deutlich höher, als sie es in Libyen, Ägypten oder Tunesien je gewesen sei. Tatsächlich aber hält sie die Zahl der Al-Qaida-Kader in Syrien und überhaupt der Dschihadisten aus dem Ausland noch für vergleichsweise gering. Nach ihren - konservativen - Schätzungen gehören der bewaffneten Opposition in Syrien 50.000 Mann an, darunter etwa 1000 ausländische Kämpfer. Die britische Quilliam Foundation geht von 1200 bis 1500 Kämpfern aus. Andere sind bei den Zahlenangaben weniger zurückhaltend. Der Islamisten-Experte Aaron Zelin vom Washington Institute for Near East Policy spricht von "Tausenden" islamistischen Internationalisten.

Schon im August hatten US-Geheimdienstler davor gewarnt, dass al-Qaida dabei sei, "ein Netzwerk gut organisierter Zellen" in Syrien zu bilden. Zugleich gaben sie aber zu, dass kaum mehr als 200 Al-Qaida-Kämpfer aus dem Irak im Land seien - eine verschwindend geringe Zahl angesichts der Größe der Rebellenbewegung. Gefährlicher indes ist nach Einschätzung O'Bagys eine Dschihadisten-Gruppierung syrischen Ursprungs: Jabhat al-Nusra, etwa Unterstützungsfront für das syrische Volk. Ähnlich wie al-Qaida will sie ein globales Kalifat errichten und die strikte Einhaltung der Scharia erzwingen. Auch hat sie die Kampftaktiken von al-Qaida mit einer Serie gezielter Bombenattacken und Selbstmordanschlägen übernommen, weshalb die Gruppe in Medienberichten schnell zum Al-Qaida-Ableger gemacht wurde.

Dabei bemühten sich die Kämpfer von al-Nusra im Gegensatz zu al-Qaida im Irak darum, die Zahl der zivilen Opfer ihrer Anschläge in Grenzen zu halten. Tatsächlich hat keine der beiden Terrorgruppen in ihrer Propaganda einander bisher jemals erwähnt. Der Islamisten-Experte Aaron Zelin vom Washington Institute sagt denn auch: "Es gibt keine bekannte Beziehung. Nur weil sie dieselben Taktiken benutzen, muss es nicht auch eine Verbindung geben."

© SZ vom 11.10.2012/fran
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema