Aktivismus:Über mich hinaus

Unsere Kolumnistin interessierte sich vor allem für ihre Karriere, ihren Mann, ihre Kinder, ein schönes Leben. Dann lernte sie von den Ukrainerinnen und ihrer Tochter, dass es mehr geben muss.

Von Cathrin Kahlweit

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Maidan-Aktivistinnen in Kiew im Februar 2014

(Foto: AFP)

Meine Tochter rettet täglich Flüchtlinge. Nicht physisch, aber politisch. Sie bastelt Plakate und geht auf Demos, sie begleitet Asylbewerber auf Ämter und moderiert Unterstützertreffen. Sie ist jung und engagiert, empört und erschöpft, und ich schäme mich. Nicht für meine Tochter, die hat meine volle Bewunderung, sondern für mich selbst.

Meine Tochter ist überzeugt, dass es wichtig ist, die Welt zu retten. Als ich 23 war, war ich überzeugt, dass der Mann, in den ich gerade verliebt war, der Mann fürs Leben ist; für viel mehr hatte ich gar keine Zeit. Und irgendwie bin ich seitdem nicht mehr dazugekommen, die Welt um mich herum zu retten, das sollten andere tun. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mein Leben zu genießen, irgendeine Art von Karriere anzustreben, mich über mangelndes Lob von meinen zahlreichen Chefs zu ärgern, das Essen in der Kantine zu bemeckern, den Mann meines Lebens manchmal doof und manchmal großartig zu finden.

Und wenn mich Zweifel überkamen, dass ein bisschen was von einem Weltenretter doch eigentlich in jedem von uns stecken müsste, dann dachte ich daran, dass "Gutmensch" ein Schimpfwort ist, "politische Korrektheit" ein Makel und politische Naivität eine Schande. Und wenn das nicht reichte zur Selbstberuhigung, dann sagten Freunde beruhigend: "Du tust doch so viel, du schreibst doch darüber."

In der Ukraine ist der Begriff Komfortzone ein Zynismus

Das ist nett, aber abwegig. Hinzuschauen und zu schreiben ist mein Job, ich werde dafür bezahlt. Mein Privileg ist es nur, beim Hinschauen und Schreiben manchmal Menschen zu begegnen, die die Welt und dabei gleich noch sich selbst retten, weil sie sich aus ihrer Komfortzone herausbegeben und sich einer Sache verschreiben, die größer ist als sie selbst.

Meine Komfortzone endet immer da, wo mein Alltag, meine Familie, meine Arbeit oder meine Eitelkeit mich stoppen: viel Aktivismus, wenig Engagement. Dass ich mich deswegen schäme, macht die Sache nicht besser. Vor allem, weil ich in den vergangenen Monaten so viele Monate in der Ukraine verbracht habe, wo der Begriff Komfortzone ein Zynismus und Engagement eine pure Floskel ist.

Die Maidan-Revolution war für mich ein monatelanger Anschauungsunterricht: Hunderte, Tausende Frauen standen ab Dezember 2013 mehr als drei Monate lang neben Tausenden von Männern in der Kälte; es waren minus 20 Grad in der Nacht, selten über Null am Tag. Jeden Tag aufs Neue kamen sie - als Wache, als Köchin, als Sandsackschlepperin, als freiwillige Krankenschwester, als Barrikadenbauerin oder als Sozialarbeiterin, als Psychologin oder Reporterin. Sie waren auf den Maidan in Kiew geeilt, als der Volksaufstand gegen Präsident Viktor Janukowitsch begann, und sie blieben bis zum bitteren Ende.

Sie blieben, weil sie eine bessere Zukunft für ihre Kinder wollten und kein Geld hatten, um die Schmiergelder zu zahlen, mit denen man Arztbesuche und gute Schulplätze ergatterte. Sie wollten Geld für Museen und nicht für die Privatgalerie des Präsidenten, sie wollten Geld für Straßen und nicht für die korrupte Straßenpolizei. Viele wollten auch politisch Richtung Europa, Visafreiheit, Rechtssicherheit und eine Demokratie, die ihren Namen verdient.

"Wenn wir jetzt Angst haben, werden wir unser ganzes Leben Angst haben"

Sie hatten Kinder, einen Job, Männer, einen Haushalt, einen Alltag. Alles musste warten. Ich habe Frauen kennengelernt, die sind nur nach Hause gegangen, um zu duschen und sich umzuziehen. Wochenlang. Haben sich abgemeldet, Urlaub genommen oder sogar ihre Jobs gekündigt. Ganze Belegschaften haben sich im Schichtdienst einteilen lassen für die Revolution, haben Geld gesammelt und warme Decken, Essen und Schutzkleidung, haben sich nachts hinter den immer höher auftürmenden Reifenstapeln postiert und sich für die Angriffe der Sondertruppen der Regierung gewappnet.

Über das Projekt

Das neue Magazin der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung "PLAN W - Frauen verändern Wirtschaft" erscheint vier Mal jährlich und liegt der gesamten Wochenendausgabe der SZ bei. PLAN W macht Lust auf berufliche Selbstentfaltung, auf mutige berufliche Schritte, darauf Ideen umzusetzen und ein Leben lang dazu zu lernen. PLAN W schafft Orientierung, inspiriert und informiert. Das Supplement ist wie die Süddeutsche Zeitung selbst: klug, debattenstark und unterhaltsam, mit einem Anspruch auf Internationalität.

Zu Hause handelten sie sich Ehekrisen ein, weil ihre Männer nicht einsehen mochten, dass der Aufstand wichtiger war als die Wäsche. Viele haben ihre Kinder zu Verwandten geschickt, damit sie Zeit hatten für die Revolution. "Wenn wir jetzt Angst haben, werden wir unser ganzes Leben Angst haben. Wenn wir jetzt nichts tun, wird sich nie etwas ändern", sagten sie. Und mit jedem Tag wuchs die Gefahr, für die Frauen - und für alle, die sich für Veränderungen einsetzten.

Marisa zum Beispiel hat ihren Bruder gerettet, der ein Video online stellte, auf dem zu sehen war, wie Milizionäre einen Demonstranten folterten. Marisa und andere Frauen brachten ihn aus Kiew weg, nach Lemberg, besorgten ein Visum, sammelten Geld für die ersten Wochen im Ausland.

Oder Tetjana: Sie schrieb kritisch über den Präsidenten, wurde entführt, man fand sie auf der Straße, schwer verletzt, ihr Gesicht schrecklich entstellt. Drei Tage später stand sie wieder auf dem Maidan.

Ich habe zugeschaut, gestaunt, gelernt und darüber geschrieben. Weil das mein Job ist. Aber ich tat es mit wachsender Dankbarkeit dafür, dass andere zustande bringen, was ich in meinem sicheren, sauberen, heiteren Wohlstandsleben nie für nötig gehalten habe, weil es subjektiv nie nötig war: über mich hinauszuwachsen.

Cathrin Kahlweit war für die SZ häufig in der Ukraine. Was sie schmerzt: Selbst über Kiew wird fast nur noch im Zusammenhang mit Revolution und Krieg berichtet. Dabei kann man auch dort bummeln, lachen - und Spaß haben.

© SZ/Plan W vom 26.9.2015
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