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AKP:Davutoğlu - entmachtet vom großen Bruder

  • Die öffentliche Demontage von Premier Davutoğlu in der Türkei hat vor wenigen Tagen begonnen.
  • Die "Akte Pelikan" erzählt im Netz davon, wie Davutoğlu angeblich beharrlich darauf hingearbeitet haben soll, Präsident Erdoğan zu entmachten.
  • Als hätte die Türkei nicht schon genug Probleme, kommt jetzt auch noch eine Regierungskrise hinzu.

Ungewöhnliches passiert in der Türkei. Im Internet tauchte diese Woche eine Seite auf, die "Akte Pelikan". Keine Bilder, nur Text. Aber jeder einzelne Satz hat es in sich. Die Akte Pelikan erzählt die Geschichte einer Entfremdung. Sie zielt tief ins Innere der türkischen Politik. Und sie erschüttert die Staatsspitze.

Es geht um Ahmet Davutoğlu, Premierminister der Türkei und um Recep Tayyip Erdoğan, den Staatspräsidenten. Die Akte Pelikan erzählt davon, wie aus Weggefährten Gegner wurden. "Eigentlich wissen nur ganz wenige, was da wirklich los ist", schreibt der anonyme Verfasser. "Es ist wie ein Albtraum." Und dann erzählt er, wie Davutoğlu angeblich beharrlich darauf hinarbeitet, Erdoğan zu entmachten.

Normalerweise bleibt vieles, was der Regierung schaden könnte, nicht lange im Internet stehen. Die Behörden sind schnell dabei zu sperren und zu löschen. Aber die Akte Pelikan bleibt im Internet. Sie bleibt, bis ihr Gift die Wirkung voll entfaltet. Am Donnerstag ist es so weit. Davutoğlu tritt vor seine Partei, die AKP, um eine Abschiedsrede zu halten.

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"Wenn meine Freunde nicht mit mir sind, erwarte ich, dass sie es mir sagen"

Schwere Tage liegen hinter ihm. In diesem Moment scheint er aber mit sich im Reinen zu sein. Er sei nicht vom Weg abgekommen, sagt er. Er habe die Partei durch schwierige Zeiten geführt. Er habe ihr Trost zugesprochen, als sie im Sommer vor einem Jahr bei der Wahl die Alleinregierung verlor. Und er führte die AKP aus diesem Tal wieder heraus, als es im November zu Neuwahlen kam. Aber nun gehe es um die Einheit der AKP, und er habe sich entschlossen, die Partei am 22. Mai zu einem Sonderparteitag zusammenzurufen. Sie soll einen neuen Chef bekommen.

Nur er, Davutoğlu, stehe nicht mehr für diesen Job zur Verfügung.

Es gibt nur wenige Momente in seiner Rede, in denen Bitterkeit aufscheint. In diesem zum Beispiel: "Wenn meine Freunde nicht mit mir sind, erwarte ich, dass sie es mir sagen."

Ein Machtkampf geht zu Ende. Und Davutoğlu verliert alles. Nach Logik dieser machtversessenen Partei kann er auch nicht länger Regierungschef bleiben.

Die öffentliche Demontage des Premiers läuft seit einigen Tagen

Die öffentliche Demontage Davutoğlus hat vor wenigen Tagen begonnen. Am Montag berichteten die ersten Zeitungen ausführlich über die Akte Pelikan. Am Dienstag hatte Davutoğlu im Parlament einen denkwürdigen Auftritt vor Parteikollegen. Seine Rede vor der AKP-Fraktion dauerte nur 28 Minuten. So kurz hatte er noch nie gesprochen. Er sagte, es sei bereit, seine Posten zur Verfügung zu stellen. Am Mittwochabend fährt Davutoğlu um 18.28 Uhr zu einem Krisengespräch mit Erdoğan.

Es ist der Tag, an dem die Europäische Union den Weg zur Abschaffung der Visapflicht ebnet. Das müsste eigentlich ein Freudentag für die Türken sein. Aber im politischen Ankara hat man ganz andere Sorgen. Es gibt ein Foto der Zusammenkunft von Erdoğan und Davutoğlu. Es erzählt eine andere Geschichte als die von zwei "engen Brüdern", die Davutoğlu bei seinem Abschied am Donnerstag bemüht. Das Foto strahlt nur eisige Kälte aus. Nach einer Stunde und 40 Minuten sind Erdoğan und Davutoğlu miteinander fertig. Als hätte die Türkei nicht schon genug Probleme, kommt jetzt auch noch eine Regierungskrise hinzu.

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Wie konnte es dazu kommen? Ein AKP-Politiker, der beide Männer gut kennt, aber anonym bleiben möchte, wird selbst überrascht von den Entwicklungen. Aber er hat Erklärungen. Es gehe um das Abi-Prinzip sagt er. Abi, ist türkisch und heißt übersetzt: großer Bruder.

Der große Bruder ist natürlich Erdoğan.