Affäre Jasper:Der falsche Doktor von der CDU

Lesezeit: 4 min

CDU-Parlamentarier Dieter Jasper gerät wegen eines falschen Doktortitels unter Druck. Er gibt sich unschuldig - hätte aber alles Nötige wissen können.

Thorsten Denkler

Der Mann ist seit kurzem bundesweit bekannt, aber der Grund passt nicht für einen Bundestagsabgeordneten der CDU. Wer will schon groß in der Presse stehen, weil er einen ominösen Doktortitel gekauft hat, der in der akademischen Welt soviel wert ist wie ein Schmierzettel?

Affäre Jasper: Gibt sich ahnungslos: der CDU-Parlamentarier Dieter Jasper.

Gibt sich ahnungslos: der CDU-Parlamentarier Dieter Jasper.

(Foto: Foto: CDU)

Dieter Jasper wählt da die Strategie der Vorwärtsverteidigung. Ja, er habe einen Fehler gemacht und sei "dämlich genug" gewesen, den Versprechungen zu glauben. Er sei "Betrügern aufgesessen". Das sei ihm allerdings erst im Jahr 2009 gewahr geworden.

Zwei Prozentpunkte Vorsprung - dank Doktortitel?

Durch Berichte über gekaufte Ehrentitel alarmiert, habe er im Oktober eine Anwaltskanzlei beauftragt, seinen eigenen 2004 an der "Freien Universität Teufen" in der Schweiz erworbenen Doktortitel auf Rechtmäßigkeit zu prüfen.

So eine Promotion macht etwas her im politischen Alltagsgeschäft. Jasper ist seit der Bundestagswahl im Herbst 2009 Abgeordneter der CDU aus dem Münsterland. Seinen Wahlkreis Steinfurt III hat er knapp dem SPD-Politiker Reinhold Hemker mit zwei Prozent Vorsprung abgejagt.

Sozialdemokrat Hemker wie auch seine lokalen Kollegen von Grünen und Linken glauben inzwischen, dass der vermeintliche Doktortitel ihm den entscheidenden Vertrauensbonus in der Bevölkerung verschafft habe. Hemker fordert Jaspers Rücktritt. Die Linke-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler hat nun offenbar schriftlich Beschwerde bei Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) eingelegt. Sie verlangt Neuwahlen in Jaspers Wahlkreis.

Lokalen Medien erklärte Jasper, der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Münster studiert hat, er sei 2003 bei der Suche nach einer nicht ganz so strengen Promotionsordnung auf die "Freie Universität Teufen" in der Schweiz gestoßen. Er habe nach einer leichten und berufsbegleitend möglichen Weise gesucht, den Doktor zu machen, weil er weiterhin für die Firma seines Vaters, die Behälter- und Apparatebau Josef Jasper GmbH & Co. KG in Hopsten, arbeiten wollte.

Das Thema seiner Arbeit: "Elemente und Strukturen von Managementsystemen in KMU (Klein- und Mittelständische Unternehmen) - Betriebswirtschaftliche Analyse für einen Betrieb der Metall verarbeitenden Industrie".

Uni ohne Studenten und feste Mitarbeiter

Jasper muss schon sehr blauäugig gewesen sein, sich auf die Dienste der "Freien Universität Teufen" einzulassen. Sie ist seit 1985 bekannt als Titelmühle, die wahllos Doktor-, Professorentitel und Diplome in mehr als einem Dutzend Fachgebieten an zahlungswillige Kunden ausstellt. Weder in der Schweiz noch sonst wo auf der Welt genießt sie universitären Status.

An dieser sehr speziellen Universität, die sich als Fernuni ausgibt, gibt es keine Studenten und keine festen Mitarbeiter. Nicht mal mit einer eigenen Internetpräsenz mag sich die selbst ernannte Universität schmücken. Wer hier seinen Doktor machen will, muss in der Regel die Dienste eines windigen Promotionsberaters in Anspruch nehmen.

An der Postadresse der vermeintlichen Bildungsstätte findet sich lediglich ein Briefkasten. Die Universität ist ein Unternehmen nach Schweizer Recht, dessen Abschlüsse nicht mal in der Schweiz anerkannt sind. Wohl auch deshalb findet sich auf der Internetseite der Gemeinde Teufen kein Hinweis auf die höhere Bildungseinrichtung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der CDU-Abgeordnete Jasper hätte gewarnt sein müssen.

Teufener Titelsupermarkt

Hinweise auf das zweifelhafte Gebaren des Teufener Titelsupermarktes hätte Jasper schon früh wahrnehmen können. Der Titelkauf-Experte Nicolas Brethauer etwa bezeichnete die Freie Universität Teufen in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bereits im August 2001 als einschlägig bekannte Titelmühle zusammen mit so obskuren Instituten wie der "London School for Social Research", der "Loyola-University" in Paris oder der "Roosevelt-University" in Brüssel und Zürich.

Im Mai 2006 berichtete die SZ über die Teufener Doktorschmiede, ihre Abschlüsse seien "in Deutschland nicht anerkannt und dürfen in der Öffentlichkeit, etwa auf Visitenkarten oder im Lebenslauf, auch nicht erscheinen".

Auf Titelmissbrauch droht eine Freiheits- oder Geldstrafe

Kurz zuvor war der Berliner CDU-Abgeordnete Mario Czaja über sein an der Freien Universität Teufen erworbenes Wirtschaftsdiplom gestolpert. Er kam glimpflich davon und musste lediglich seinen Sitz im Wissenschaftsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zurückgegeben. Der Fall erregte bundesweit Aufmerksamkeit.

Nach Paragraph 132a Strafgesetzbuch wird Titelmissbrauch "mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft". Die Staatsanwaltschaft Münster prüft derzeit, ob ein Ermittlungsverfahren gegen Jasper eröffnet wird.

Und auch die auf den ersten Blick abenteuerlich anmutende Forderung nach Neuwahlen in Jaspers Wahlkreis erscheint auf den zweiten Blick nicht völlig abwegig. Immerhin müssen die Angaben eines Wahlkreiskandidaten zu seiner Person richtig sein.

Auch Björn Schilling, SPD-Ortsvereinsvorsitzender aus Lengerich im Kreis Steinfurt, hat an Bundestagspräsident Lammert geschrieben: "Da der Stimmzettel mit einem unzulässigen Doktortitel bei dem Kandidaten Jasper falsche Angaben enthielt, lag ein Wahlfehler vor."

"Was ist denn schon passiert?"

Lammert, der wie Jasper aus Nordrhein-Westfalen kommt, ist als Bundestagspräsident jetzt die einzige Instanz, die die Wahl im Wahlkreis Steinfurt III noch anfechten kann. Einfache Bürger haben nur bis zwei Monate nach einer Bundestagswahl dazu die Möglichkeit.

Der Parlamentarier Jasper sieht da kein Problem. "Man sollte die Dinge relativieren. Was ist denn schon passiert? Ich habe einen Titel getragen, den ich nicht hätte tragen dürfen", sagte er der lokalen Presse. "Aber das habe ich inzwischen korrigiert."

Sein persönlicher Internetauftritt ist wegen Überarbeitung nicht erreichbar. Auf den biografischen Seiten des Bundestags ist der Doktortitel inzwischen verschwunden. Jedoch wird der Neu-Abgeordnete bei seiner ersten Rede vor dem Bundestag am 4. Dezember 2009 noch als "Dr. Dieter Jasper" im Untertitel vorgestellt. Also gut zwei Monate nachdem ihm aufgefallen war, dass mit dem Titel etwas nicht stimmen kann.

Die lokale Presse fühlt sich von Jasper gefoppt. Anfang Januar noch haben die Westfälischen Nachrichten in einem Bericht über den Neujahrsempfang der CDU in seinem Wahlkreis stets von "Dr. Dieter Jasper" geschrieben. "Weder im Vorfeld noch nach dem Bericht kam ein Hinweis von Jasper, dass er den Doktortitel nicht mehr führt", schreibt die Zeitung.

Politisch wird Jasper von seinen Parteifreunden noch gestützt. Am 6. Februar verabschiedete der Kreisvorstand der CDU eine Erklärung: "Nach einem ausführlichen und offenen Gespräch mit Dieter Jasper ist der CDU Kreisvorstand nach wie vor von der persönlichen Integrität des Bundestagsabgeordneten überzeugt und weißt deshalb Forderungen nach einem Rücktritt zurück."

Kreisvorsitzender ist der mächtige Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit und Soziales in der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen.

Was Jasper für seinen erschwindelten Titel hinlegen musste, ist nicht geklärt. Die Summe wird aber sicher mehrere zehntausend Euro betragen. Im Herbst 1996 musste etwa Dieter Jurkschat, damals Direktor der Sparkasse Konstanz, seinen Posten räumen - der Banker soll sich seinen Doktortitel für umgerechnet 21.500 Euro bei der "Freien Universität Teufen" gekauft haben.

Diese Investition hat sich nicht gelohnt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB