Ägyptischer Muslimbruder Mohammed Mursi Lückenbüßer mit Chancen auf die Präsidentschaft

Er gilt als Hardliner, als verbissener Israel-Gegner und Anhänger eines islamischen Staates - und er könnte bald in der Stichwahl um das Präsidentenamt in Ägypten stehen: Mohammed Mursi ist strammer Parteisoldat der Muslimbrüder. Doch um als Staatsoberhaupt erfolgreich zu sein, müsste er sich in Teilen von ihnen distanzieren.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Im Wahlkampf verspotteten ihn seine Gegner als "das Ersatzrad". Mohammed Mursi war keinesfalls der Wunschkandidat der Muslimbrüder. Er sprang auf Druck der Organisation ein und gegen den eigenen Willen, weil der für die Brüder bessere Mann, ein islamistischer Oligarch, von der Justiz gesperrt worden war für die erste freie Präsidentschaftswahl Ägyptens. Und ein echter Muslimbruder zeigt am Ende eben Kaderdisziplin.

Auch der selbst hat gewählt: Mohammed Mursi, Präsidentschaftskandidat der ägyptischen Muslimbrüder, zeigt nach seinem Votum am Mittwoch die Tintenmarkierung an seinem Finger.

(Foto: AFP)

In der ersten Wahlrunde ist das Ersatzrad offenbar ziemlich rund gelaufen - dank der ganz Ägypten umfassenden Graswurzel-Organisation der Muslimbruderschaft. Erste Trends - die auch von den Brüdern kommen - sehen Mursi als einen der beiden Bewerber in einer Stichwahl. Mursi könnte der "Präsident nach Hosni Mubarak" werden.

Falls der hölzerne Parteisoldat Staatschef würde, würde das sein Land zwangsläufig polarisieren. Weder die Säkularen noch die Liberalen trauen den Muslimbrüdern. Die nichtislamistischen und ein Teil der islamistischen Tahrir-Revolutionäre denken ebenso. Von den Christen ganz zu schweigen. Und die Anhänger des alten Regimes können an einem Fundamentalisten im höchsten Staatsamt bestimmt nichts Positives finden.

Die Zweifler haben gute Gründe. Die Muslimbruderschaft ist eine ideologiegesteuerte Kaderorganisation. Nach der Revolution hat sie skrupellos nach der Macht gegriffen. Sie hat alle Versprechen gebrochen: Die Brüder wollten im Parlament als Vertreter aller Ägypter auftreten, haben den Debatten aber sofort islamistische Couleur gegeben.

Sie wollten keinen Präsidentschaftskandidaten aufstellen, aber haben es getan. Ihre "Freiheits- und Gerechtigkeitspartei" ist keine eigene Stimme, sondern nur der parlamentarische Arm der Organisation. Dies lässt sich mit Machtgier, aber auch mit den Zwängen im instabilen Revolutionsambiente erklären.

Mursi müsste das Volk versöhnen

Am ehesten erschließt sich das Wesen der Organisation aus ihrem klandestinen Charakter. Als Ideologie-Tempel mit Ordensrittern für den Widerstand und einer politisch manipulativen Sozialhilfe-Organisation ist sie selbst Teil des alten Regimes. Sie könnte sich vielleicht zu einer Volkspartei entwickeln. Aber die Zweifel bleiben sehr groß.

Mursi verkörpert diese Organisation: Der 60-jährige Ingenieur und Hochschullehrer aus der Delta-Provinz Sharqyia wurde in der Bruderschaft groß, war ihr Sprecher, saß lange im Politbüro. Jetzt führt er die Partei "Freiheit- und Gerechtigkeit". Mursi gilt auch unter Brüdern als Hardliner, als verbissener Israel-Gegner und einer, der sich vom Traum des islamischen Staats trotz aller öffentlicher Reformbeteuerungen seines Mutterhauses nicht verabschiedet hat.

Auch hierin ist er typisch für die Bruderschaft: Keiner weiß, wo Mursi steht. Als Präsident könnte er Ägypten jedenfalls nur voranbringen, wenn er sich zumindest in Teilen von Führung, Politbüro und Kaderorganisation der Brüder distanziert und das Volk versöhnt. Der Vater von vier Kindern hat in den USA gelebt, seine Kinder haben amerikanische Pässe. Vielleicht zeigt er bei aller islamistischen Prinzipientreue ja doch eine minimale Weltoffenheit.

Präsidentschaftswahl in Ägypten

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