Ägyptens Präsidentschaftskandidat al-Sisi Der General weckt Wünsche

"Wir müssen arbeiten": Abdel Fatah al-Sisi eröffnet im Fernsehinterview seinen Wahlkampf um die Präsidentschaft in Ägypten. Den Umfragen zufolge hat er ihn schon gewonnen.

(Foto: AFP)

Ende Mai wählt Ägypten einen neuen Präsidenten, der Gewinner scheint jetzt schon festzustehen: Abdel Fatah al-Sisi, ehemaliger Armeechef und Verteidigungsminister des Landes. Seine Inhalte bleiben vage, konkret wird al-Sisi nur, wenn es um die Islamisten geht.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Missverstehen können die Ägypter diesen Herrn beim besten Willen nicht. Wie er da sitzt im dunkelblauen Anzug, meist freundlich, ja charmant lächelnd, gelegentlich sehr hart und entschlossen wirkend und fast die ganze Sendezeit beherrscht und kontrolliert: Da bietet sich einer an, sein aus der Bahn geworfenes Land samt Volk wieder aufs Gleis zu setzen, nach eigenen Vorstellungen und ohne Pardon im Fall von Widerspruch.

Das zweistündige Fernsehinterview mit Abdel Fattah al-Sisi, dem Hoffnungsträger weiter Teile eines 90-Millionen-Volks, ist mehr als das Frage-Antwort-Spiel zweier Journalisten mit einem Politiker. Die Sendung ist Sisis Auftakt für die ägyptische Präsidentschaftswahl am 26. und 27. Mai, die der frühere Armeechef, Verteidigungsminister und Geheimdienstmann allen Umfragen zufolge ohnehin schon gewonnen hat: Sein einziger Gegenkandidat, der linke Journalist Hamdin Sabahi, kommt derzeit auf 16 oder 17 Prozent und wirkt wie politisches Fallobst.

Klar ist, wer das Interview steuert - trotz allen professionellen Eifers der zwei Journalisten und trotz des freundlich-formlosen Du zwischen den Medienleuten und dem Kandidaten: Sisi. Was genau er innen- und außenpolitisch, wirtschaftlich und sozial anzubieten hat in seinem "mit Wissenschaftlern" erarbeiteten Wahlprogramm, bleibt im ersten Interviewteil jedenfalls eher unklar. Vielleicht kommt es im zweiten Teil, der demnächst ausgestrahlt wird von den sehr, sehr Sisi-nahen Privatsendern CBC und ONTV, es soll ja spannend bleiben bei dieser Wahl.

Der Kandidat redet von Bildung und Infrastruktur-Projekten. Konkret wird er dabei nur selten

Bisher lässt sich seine Botschaft - neben der Ankündigung unerbittlicher Härte gegenüber Terror, Verbrechen und politischem Islam - so zusammenfassen: Sisi ist ein Mann des Volks, der seine Heimat liebt und im Zuge seiner Laufbahn bei der Armee verinnerlicht hat, was das durch seine jüngsten Revolutionen oder Nicht-Revolutionen aus dem Gleichgewicht gebrachte Ägypten nun braucht: Recht, Ordnung, Sicherheit, Stabilität, Disziplin und Vertrauen in die Nation. "Das Land ist von außen und innen bedroht", analysiert der General a.D. vor dem Hintergrund der Terrorwelle: "Jeder verantwortlich denkende Ägypter, der helfen kann, muss dies tun." Sisi will, aber fordert Zeit ein: "Die Ägypter sind das geduldigste Volk der Welt, wenn sie sehen, dass sich echter Wandel abzeichnet."

Bei der Frage nach der Zukunft der Muslimbrüder wird der Ex-General unerbittlich

Hoffnung auf schnelle Besserung macht der Ex-Offizier keine. Aber er weckt Wünsche, auf den Gebieten, wo es die Menschen betrifft. Bei zwölf Millionen Arbeitslosen gehe es darum, Jobs zu schaffen: "Wir müssen arbeiten." Wie genau, sagt er nicht, spricht nur von Infrastrukturprojekten wie dem Ausbau des Suezkanals oder der Besiedlung eines zweiten, künstlichen Niltals sowie Investitionen in "Erziehung, Gesundheit, Nahrungssicherheit". Der einstige General und gläubige Muslim beschwört zudem ein Ägypten, in dem eine politisierte Religion keinen Platz hat, in dem Muslime und Christen trotz "kultureller Eigenheiten" zusammenleben. Er sei nahe des jüdischen Viertels in der Kairoer Altstadt aufgewachsen, habe in die Synagoge geschaut, sonntags "die Kirchenglocken schlagen gehört".

Noch geschickter drückt der ehemalige Geheimdienstchef auf die Knöpfe, bei denen fast jedem Ägypter das Herz so vorhersehbar höher schlägt wie bei Deutschen, wenn die Rede auf den Alleskönner-Kanzler Helmut Schmidt kommt: "Ich wünschte, ich wäre wie Gamal Abdel Nasser. Nasser war mehr als ein Porträt an der Wand. Die Ägypter hatten sein Gesicht und seine Stimme im Herzen." Sisi weiß, dass er nicht die schauspielerhafte Grandezza des Volkshelden Nasser hat. Aber auch er bietet Anknüpfungspunkte. Er spricht eine klare, einfache Sprache, bildet kurze, fast zu knappe Sätze. Er vermeidet jedes "wenn" und "aber", wirkt jedoch nie wie ein Befehle blaffender Kommiss-Mensch.

Unerbittlich wird er, als die Moderatoren wissen wollen, ob er mit den Muslimbrüdern aufräumen werde: "Ja. Genau so ist es." Unter seiner Präsidentschaft werde "es nichts geben, das sich Muslimbruderschaft nennt". Das wird denen gefallen, die in der erfolglosen Präsidentschaft des im Juli 2013 von Sisis Armee auf Volkswunsch gestürzten Islamistenpräsidenten Mohamed Mursi den Grund aller Probleme sehen. Erzürnen und verängstigen wird es hingegen die beachtlich große Minderheit, die an den politischen Islam glaubt und in Mursi den ersten frei gewählten, nun zu Unrecht im Gefängnis sitzenden Staatschef sieht. Ähnlich kompromisslos ist, was die nicht-islamistische Jugendopposition heraushören kann: Er werde sich nicht scheuen, ein neues Anti-Terror-Gesetz zu schaffen, sagte Sisi. Und er habe mit den von der Opposition kritisierten Demonstrationsgesetzen kein Problem: "Ich werde nicht zulassen, dass das Land durch Chaos zerstört wird." Sisi, der No-Nonsense-Mann mit militärischer Manier, präsentiert sich so als Rollenmodell, getrieben von der Liebe zur Nation, ohne persönlichen Gefallen am Aphrodisiakum Macht. Ob der Ex-Offizier nach den ersten Amtsjahren vielleicht doch so selbstherrlich und semi-autokratisch herrschen wird wie seine Vorgänger Mubarak, Sadat und Nasser, wird sich voraussichtlich bald zeigen.