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Ägypten:Wenn Mord als kleineres Übel gilt

Former Egyptian President Mursi waves during his trial at a court in the outskirts of Cairo

Mursi vor Gericht: Zum ersten Mal in der Geschichte des modernen Ägyptens soll ein Ex-Präsident am Strang enden. Menschenrechtler werten das Verfahren gegen Mursi und mehr als 100 politische Weggefährten als Farce

(Foto: REUTERS)

Vor zwei Jahren noch empfing ihn Merkel, jetzt hat ein Gericht Mohammed Mursi zum Tode verurteilt. Doch wird er wirklich hingerichtet? Als Gefangener kann Ägyptens Ex-Präsident seinem Nachfolger nützen.

Es ist ja nicht so, dass man aus Ägypten Todesurteile nicht gewohnt wäre. Ägypten ist nachgerade Rekordhalter im Verhängen von Todesstrafen. Hier Dutzende, da ein paar Hundert und nun eben ein Ex-Präsident. Mohammed Mursi, Muslimbruder und noch vor der Kleinigkeit von drei Jahren Hoffnungsträger aller Islamisten der Region, ach was, der ganzen Welt, soll hingerichtet werden.

Wann und ob dies tatsächlich geschieht, ist noch sehr unklar. Im Vollstrecken ist Ägypten nämlich deutlich weniger entschlossen als im Verurteilen. Dennoch gehört es wahrscheinlich zu den schwerer erträglichen Momenten im Leben der Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass sie Anfang Juni Abdel Fattah al-Sisi treffen wird, einen Tag nachdem Ägyptens Großmufti das Todesurteil gegen Mursi bestätigen soll. Vor zwei Jahren empfing Merkel Mursi noch selbst. Es war ein Zeichen, dass Deutschland die schwierige Entscheidung des ägyptischen Volkes akzeptiert hatte: Ein Islamist war Präsident geworden.

Und nun soll der Staatsgast von einst hingerichtet werden. Soll sie Sisi deshalb nicht empfangen und Ägypten weiter meiden, so wie Deutschland es seit dem Sturz Mursis durchs Militär getan hat? Da könnte Merkel moralisch glänzen. Doch hätte diese Strategie, ehrlicherweise, genauso viele oder genauso wenige Erfolgschancen wie die entgegengesetzte: die der unbedingten Gesprächsbereitschaft.

Ein Land, das sich in einem Zustand wie jenem Ägyptens befindet, lässt sich nicht berechnen. Für das verbliebene Häuflein Aufrechter am Nil, das den Traum von Freiheit und Demokratie noch nicht aufgegeben hat, sondern weiterhegt, wäre es eher ein Schlag, wenn Deutschland die Brücken völlig abbräche. Wer nicht redet, kann auch keine Kritik äußern, kann keinen Einfluss nehmen, kann sich für niemanden einsetzen.

Nach dem Todesurteil regte sich kein Protest

Und die anderen Ägypter? Sie haben so viel anderes im Kopf als ausgerechnet Mursi. Oder sie tun zumindest so. Die Amtszeit des ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens seit Jahrzehnten gilt inzwischen als Ursache für alles Böse, was danach über Ägypten kam und irgendwie auch für alles davor. So umfassend und absolut ist die Ächtung der kurzen Ära der Muslimbrüder, so titanisch die kriminelle Energie, die den Islamisten bei ihrer Wühlarbeit zum Schaden Ägyptens unterstellt wird, dass nach dem Urteil gegen Mursi auch nicht der kleinste Protest zu sehen war.

Wer dies nicht nachvollziehen kann, wer nicht begreift, wie ein Volk, eine ganze Region erst für den Tyrannensturz sein Leben riskiert, dann triumphierend freie Wahlen abhält, um sich nur Monate später dem nächsten Unterdrücker in die Arme zu werfen, der ist ein glücklicher Mensch. Er hat nie erlebt, wie der Idealismus eines ganzen Volkes durch Lügen, Paranoia und Einschüchterungen pervertiert wird, wie die Angst vor dem inneren Feind selbst kluge Menschen infiziert, wie Unrechtsurteile, Folter, sogar Mord plötzlich als das kleinere Übel gelten - schließlich steht die Nation auf dem Spiel. Ein solcher Mensch hat, kurz gesagt, keinerlei Diktaturerfahrung.

Mursi war kein Demokrat, und dass er weniger Menschen auf dem Gewissen hat als sein Nachfolger, liegt vor allem daran, dass es ihm nie gelang, den Sicherheitsapparat zu kontrollieren. Für die Bewertung des Todesurteils spielt dies aber nur eine untergeordnete Rolle. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Mursi überhaupt nicht hingerichtet wird, so wenig wie die meisten anderen Muslimbrüder. Sie sind im Gefängnis politisch kaltgestellt, so wie die Getreuen Hosni Mubaraks es über Jahre waren und dann entlassen wurden. Irgendwann könnte Sisi die Muslimbrüder wieder brauchen. Da ist es dann gut, wenn einer übrig ist. Das Gefängnis ist in Ländern wie diesen Teil der politischen Landschaft.