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Ägypten:Pharao im Führerbunker

Bis zu seinem Sturz 2011 stand Hosni Mubarak für bleierne Stabilität. Nun ist er mit 91 Jahren gestorben - in einem Ägypten, in dem der demokratische Aufbruch längst gestoppt ist.

Er war mittelmäßig, als Mensch und als Politiker. Geschichte geschrieben hat Mohammed Hosni Mubarak erst mit seinem Sturz: Die Bilder zeigten den Ägypter im Kairoer Gerichtssaal, als Angeklagten. "Ja, anwesend, hier", sagte der einst mächtige Mann, die Hand am tauben Ohr. Dieser Moment markierte mehr als das Aus für einen greisen Politiker. Mubaraks Sturz stand für einen Umbruch im gesamten Nahen Osten. Das Scheitern der Revolte ist im Moment von Mubaraks Tod neun Jahre später offensichtlich: Der Durchbruch zu Freiheit und Demokratie, den Volk, Politiker und Journalisten als "Arabischen Frühling" feierten, ist gescheitert.

Längst regiert wieder ein Ex-Offizier in Ägypten, Armee und Geheimpolizei haben wieder das Sagen. Nicht wenige Beobachter konstatieren, dass die Verfolgung von Oppositionellen, Aktivisten und Journalisten durch das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi weit schlimmer sei als die Verfolgung durch den Mann, der am Dienstag mit 91 Jahren gestorben ist.

Dennoch sind die Bilder, die von Mubaraks Ära bleiben werden, jene von Demonstranten, die anrennen gegen schwarz uniformierte Polizeischläger. Die totgeknüppelt werden, von Kugeln getroffen, von Panzerwagen erdrückt. Im Tränengasnebel hatten im Januar und Februar 2011 junge Frauen und Männer jenen Platz im Herzen Kairos erobert, der zum Mythos wurde: Tahrir, der Befreiungsplatz. Dort verwandelten sie ihre Revolte in eine Dauerdemonstration, bis Mubarak am 11. Februar 2011 abdankte. Dass die Armee am Ende wieder putschte, konnte der Revolution nichts nehmen: Ägyptens Jugend schien den Anstoß zu geben für einen neuen Nahen Osten.

Die Ernüchterung folgte bald: Bei den Wahlen siegten die Islamisten. Mohammed Mursi, Muslimbruder und spröder Ingenieur, wurde Präsident. Doch die Wirtschaft lag am Boden, die Touristen blieben weg. Und die alten Strippenzieher in der Polizei, den Diensten und der Bürokratie arbeiteten sich an die Macht zurück: Am 3. Juli 2013 stürzte die Armee Mursi. Das Kommando führte al-Sisi, der den Arabischen Frühling in Ägypten beendete. Der erste frei gewählte Präsident des Landes kam ins Gefängnis, die neuen Köpfe des alten Regimes nahmen seinen Tod billigend in Kauf: Nachdem ihm lange medizinische Versorgung vorenthalten worden war, brach Mursi am 17. Juni 2019 im Gericht zusammen. Er starb noch am selben Tag.

Mubaraks letzte Ansprachen waren gespenstisch: Das Volk war erst fassungslos, dann wütend

Der ewige Mubarak hatte nun selbst seinen Nachfolger überlebt. Die erniedrigenden Bedingungen als Angeklagter vor einem ägyptischen Gericht waren ihm nicht unbekannt. Wegen der Todesschüsse auf mehr als 800 Demonstranten hatte der gestürzte Präsident seine Prozesse auf einer Trage mitverfolgt, in einem Käfig am Rande des Saals. Ihm drohte die Todesstrafe, doch nach jahrelangen Einsprüchen und Revisionen wurde er 2017 freigesprochen und aus der Untersuchungshaft entlassen. Wegen Korruptionsvorwürfen durfte er das Land nicht verlassen, logierte aber in Villen im Ferienort Scharm el-Scheich und in Heliopolis, einem Reichenviertel in Kairo. Zehntausende, die sich gegen ihn erhoben hatten, saßen da längst wieder in Haft.

Viele von ihnen waren mit seinem Bild aufgewachsen. Seit 1981 hatte Mubaraks Porträt in allen Amtsstuben gehangen, sein Bild überlebensgroß an öffentlichen Gebäuden geprangt - seine Macht stützte sich aber eher auf Kontrolle, als auf Popularität. Mindestens 1,4 Millionen Uniformierte, Ziviloffiziere und Spitzel überwachten das Volk. Aufhalten konnten diese Schläger den Aufstand 2011 nicht.

Mubaraks Krisenreden wirkten damals gespenstisch: Dreimal verweigerte der Präsident den Rücktritt, redete sich mit seiner "Verantwortung als Landesvater" heraus - doch hier sprach ein realitätsferner, alter Mann. Mubarak stellte seine "Ehre als Offizier" über alles. Ein Greis, der gewillt war, sein Land in den Abgrund zu reißen: der Pharao im Führerbunker.

Egypt's President Hosni Mubarak attends a meeting with Turkish President Abdullah Gul at the presidential palace in Cairo

30 Jahre saß er auf dem Thron – dann kurz auf der Anklagebank.

(Foto: Amr Abdallah Dalsh/Reuters)

Bei seiner letzten Ansprache im Jahr 2011 trat er die Macht widerwillig ab, ernannte sich selbst zu einer Art Ehrenpräsident: "Ich bleibe bis zum Ende meiner Amtszeit im September." Die Bürger waren erst sprachlos, dann entsetzt, schließlich zornig. Der Staatschef sprach noch, da hielten viele ihren einen Schuh in der Hand - eine arabische Geste tiefer Verachtung.

Vielleicht hätte der Autokrat das Ruder herumreißen können. Vielleicht hätte er zu Beginn der Proteste auf dem Tahrir erscheinen sollen. Mubarak war groß geworden als Politiker, der die Sprache des Volkes sprach. Einer, der wusste, wann er auf Schultern klopfen und Kinder hätscheln musste. Ein Kampfpilot war er, ein Kriegsheld - hätte er zu Anfang der Demonstrationen den Innenminister geopfert, die Geschichte wäre wohl anders verlaufen.

Aber Aufstand war nicht die Welt des Hosni Mubarak. Nach 30 Jahren im Präsidentenpalast verstand er nicht, was sich auf den Straßen abspielte. Die letzten Stunden als Präsident waren für den damals 82-Jährigen hässlich. Anstatt dem Vater beizustehen, hatten sich die beiden Söhne Gamal und Alaa im Streit über das weitere Vorgehen vor seinen Augen geprügelt, berichteten ägyptische Medien. Fassungslos habe Mubarak im Fernsehen den Volkszorn auf dem Tahrir verfolgt, während Gamal ihn über das Ausmaß des Aufruhrs zu täuschen versuchte. Er soll es gewesen sein, der den Vater jene Rede halten ließ, die dessen Ende besiegelte: Kein Rücktritt, nur scheibchenweise Zugeständnisse. Alaa, der Ältere, habe gebrüllt: "Welcher Esel hat diesen Text geschrieben?" Mubaraks Frau Suzanne Thabet wird nachgesagt, dass sie Gamal als Nachfolger des Gatten installieren wollte. Später soll der Alte Gamal beschimpft haben: "Du und deine Mutter - ihr seid der Grund für meine Lage."

Dass der Staatschef geschwächt war, wussten vor der Revolte fast alle. Nach einer Gallenoperation in Heidelberg 2010 zeigte das Staatsfernsehen einen schlappen Mubarak im Morgenmantel. Die Mediziner spielten die Komödie mit: "Der Präsident ist vollständig von den Auswirkungen des Eingriffs genesen." Die Wahrheit war wohl eine andere. Der Ägypter hatte Krebs, das Staatsgeheimnis wurde Allgemeingut. Aber der Pharao schob die Nachfolgefrage beiseite: "Das weiß allein Allah."

Geboren wurde Mubarak 1928 in dem kleinen Ort Kafr el-Moseilha im Nildelta. Er machte früh Militärkarriere, kämpfte im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel, trug als Oberbefehlshaber der Luftwaffe im Oktoberkrieg 1973 zum Teilerfolg der Ägypter bei. 1975 wechselte er in die Politik, wurde Anwar al-Sadats Vizepräsident. Im Oktober 1981 stand er bei einer Militärparade neben Sadat auf der Ehrentribüne, als Offiziere, die zu den Islamisten übergelaufen waren, ihren Oberbefehlshaber Sadat erschossen. Die Attentäter hatten Sadat den Camp-David-Frieden mit Israel nicht verziehen. Als Vizepräsident übernahm Mubarak die Macht, verfassungsgemäß. Für die nächsten 30 Jahre gab er sie nicht mehr ab.

In Ägypten herrschte Stillstand, den der Westen als Stabilität missverstand

Im Geiste stets Offizier, regierte Mubarak auch ohne Uniform autoritär: Ausnahmezustand, Antiterrorgesetze, gefälschte Wahlen. Bei seiner letzten Präsidentenwahl sollen 88 Prozent der Ägypter für ihn gestimmt haben, bei der Parlamentswahl 2010 bekam seine Nationaldemokratische Partei NDP knapp 90 Prozent. Doch in Ägypten herrschte Stillstand, den der Westen als Stabilität missverstand.

Bei all dem war Mubarak kein Kriegstreiber wie der Iraker Saddam Hussein. Er sah sich eher als Schleusenwärter in einem schwer regierbaren Land. Er drehte an den Ventilen und Stellschrauben eines korrupten politischen Systems. Er verkündete Demokratie und Pluralismus, aber nahm die Oppositionellen an die Kette. Sie durften demonstrieren, bis ihr "Es reicht" - "kefaja!" - zu laut wurde. Der auf Gewalt verzichtenden Muslimbruderschaft ließ der Präsident politisch Raum, um ihre Mitglieder später doch zu Tausenden zu verhaften.

Denn die Islamisten waren Mubaraks Erzfeinde: Selbst Muslim, gab er sich weltlich, versuchte sich nie an plakativer Frömmigkeit. Lieber instrumentalisierte er die Scheichs der al-Azhar-Universität, um die von den Muslimbrüdern betriebene Islamisierung der Gesellschaft zu bekämpfen. Dass die Islamisten bei den ersten freien Wahlen nach seinem Sturz triumphierten, traf ihn hart.

Für Mubarak waren Ideologien Instrumente. Nach Bedarf setzte er auf die panarabische Karte, gab den afrikanischen Führer, grub den Nasserismus aus, schmiegte sich dann an den Westen. So wurde Mubarak Washingtons wichtigster Bundesgenosse in Nahost: Mächtiger als der König Jordaniens, berechenbarer als die Saudis, damals politisch wertvoller als die Glitzer-Scheichs der Emirate. Auch mit den Israelis ging Mubarak eigene Wege. Er stand zu den Verträgen Sadats, beließ es aber beim eiskalten Frieden.

Außenpolitisch Routinier, zeigte sich der Staatschef als Innen- und Sozialpolitiker fantasielos. Innere Sicherheit ging vor Bildung, Frauenfragen, Gesundheit. Was die Wirtschaft betraf, war der Präsident entschlossener. Er setzte auf ein Team westlich ausgebildeter Technokraten um seinen Sohn Gamal. Die Manager-Minister begannen, die bürokratisierte Wirtschaft zu entrümpeln, strichen Subventionen, privatisierten. Das Wirtschaftswachstum erreichte sieben Prozent, doch die neoliberalen Reformen verschärften Arbeitslosigkeit und Inflation: Das Versprechen, wonach auch die Armen am Wohlstand teilhaben würden, blieb unerfüllt.

In Mubarak ist der letzte jener Nahost-Autokraten gestorben, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten: Der Syrer Hafis al-Assad, der Palästinenser Jassir Arafat, Muammar al-Gaddafi, Saddam Hussein, der Tunesier Ben Ali. Bis zu seinem Sturz hatte Mubarak brutal über Ägypten geherrscht, aber bleierne Ruhe garantiert in einer von inneren Konflikten geplagten Region langfristig keine Stabilität. Dem Westen hatte Mubaraks Bilanz immer gereicht. Dem ägyptischen Volk für eine kurze Weile nicht mehr.

© SZ vom 26.02.2020
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