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Abrüstungsvertrag unterschrieben:Barack und Dima im Prager Frühling

Obama und Medwedjew haben den "New START"-Vertrag unterzeichnet. Die Präsidenten mögen sich - und wähnen sich "auf einer längeren Reise".

Klaus Brill, Prag

Man merkt es nicht gleich, dass da gerade eine Expedition von einem anderen Stern im Anmarsch ist. Wie üblich prangt der Spanische Saal der Prager Burg im Glanze seiner weißen Holzvertäfelungen, seiner Spiegel und seiner goldenen Lüster. Auf dem rotsamtenen Gestühl sitzen die üblichen Verdächtigen, die man bei Staatsakten oft hier sieht: tschechische Abgeordnete, Kabinettsmitglieder, Kirchenfürsten und Generäle, zudem ausländische Diplomaten.

Nur die Hoheitszeichen an der Stirnwand, in Blau und Rot und Weiß, wirken seltsam fremd. Zwar sind es die Farben, aber es ist nicht das Flaggenmuster der Tschechischen Republik. An den drei Meter hohen Stangen hängen heute in friedvollem Wechselspiel je sieben Fahnen der USA und der Russischen Föderation.

Natürlich. Hier steht ja nicht, auch wenn das goldene Prag der Schauplatz ist, ein tschechisches Ereignis an, sondern ein internationales. Soeben tritt Hillary Clinton, die US-Außenministerin, im leuchtend grünen Kostüm aus der Vordertür hervor, von hinten arbeitet sich ihr russischer Kollege Sergej Lawrow durch die Reihen vor. Bald darauf ertönt Posaunenschall: die Präsidenten Barack Obama und Dmitrij Medwedjew schreiten miteinander in den Saal, platzieren sich an einem eleganten braunen Schreibtisch und greifen nach den Füllfederhaltern.

Vor den Augen der Welt, hier präsent durch Dutzende Kamerateams und Fotografen, unterzeichnen sie an diesem Donnerstag um 12:33 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Zweite Abkommen über die Verringerung der Strategischen Rüstung. Wie befreit lachen sie am Ende einander an und schütteln sich die Hand.

Barack und Dmitrij

Dass in den nun folgenden Ansprachen die Floskeln vom Meilenstein und vom historischen Ereignis fallen, ist nicht anders zu erwarten und dem Anlass ja durchaus angemessen. Nicht alle Tage kommt es vor, dass die beiden mächtigsten Männer der Welt, die über 90 Prozent des atomaren Potentials in der Welt gebieten, ihre gefährlichen Waffen so kräftig verringern.

Und Dmitrij Medwedjew macht in den anschließenden Pressekonferenz auch keinen Hehl daraus, dass die Gespräche darüber durchaus schwierige Phasen hatten. Aber jetzt, da die Vereinbarungen in einem dünneren und einem dickeren Konvolut unterschrieben auf dem Tisch liegen, richten die Akteure lieber den Blick nach vorn.

Aus vielen ihrer Sätze spricht das Empfinden, dass da zwei Staatsmänner einen guten persönlichen Draht zueinander gefunden haben und dies in Zukunft nutzen wollen. Mehr als einmal streicht Obama heraus, dass dieser START-II-Vertrag wohl ohne das persönliche Engagement seines russischen "Freundes und Partners" nicht zustande gekommen wäre. Er nennt den Amtskollegen beim Vornamen, dieser tut es ebenso.

Und mehr als einmal stellen die beiden auch heraus, dass dieser Tag "in dieser schönen Stadt in diesem schönen Frühling", wie Medwedjew sagt, nur ein Anfang sein soll. "Es ist nur ein Schritt auf einer längeren Reise", so Obama. Er hat dabei nicht nur seine weiteren Initiativen für die Kontrolle der Atomwaffen in aller Welt im Sinn, sondern ebenso die zweiseitige Zusammenarbeit zwischen USA und Russland, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet.

Eine Stadt hält den Atem an

Eineinhalb Stunden haben die Präsidenten zuvor über dieses und andere Themen miteinander im Musiksaal der Prager Burg gesprochen. Die Stadt hielt ihretwegen derweil den Atem an. Das ganze Areal der Burg, normalerweise in dieser Jahreszeit von tausenden Touristen überflutet, ist drei Tage lang für den Publikumsverkehr gesperrt. Und bei der Anfahrt der beiden Präsidenten am Morgen blieben in mehreren Vierteln für eine Weile auch alle Autos und Straßenbahnen stehen. Nicht weniger als 5000 Polizisten waren für die Sicherheit der erlauchten Gäste abgestellt.

Großen Anteil konnten die Tschechen unter diesen Umständen am Ereignis gar nicht nehmen. Ihre führenden Politiker begnügten sich mit der Statistenrolle als Gastgeber. Und die politische Klasse diskutierte, was das kurze Gastspiel aus der obersten Etage der Weltpolitik wohl für das Land bedeute. Kommentatoren fragten besorgt, ob Tschechien gewissermaßen in den unerwünschten Status eines neutralen Landes mit gleicher Distanz zu beiden großen Mächten gedrückt werde.

Was Staatspräsident Vaclav Klaus unwirsch verneinte. Für Tschechien sei die von Obama gewünschte Unterzeichnung in Prag "ganz sicher eine Ehre". Auch Obama zerstreute die Bedenken. Im ersten Satz seiner Ansprache stellte er klar, dass er Tschechien "natürlich als engen Freund und Alliierten" betrachte.

© SZ vom 9.4.2010/mati
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