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9. November:Schicksalstag der Deutschen

Verkündung der Republik, Pogromnacht, Elser-Attentat: Der 9. November war schon vor dem Mauerfall ein historisch aufgeladenes Datum.

Alle Welt schaut dieser Tage nach Berlin, jede Menge Staatsgäste werden dort an diesem Montag erwartet - zum großen Fest der Freiheit am 20. Jahrestag des Mauerfalls. Es wird Festakte geben, Lesungen, Ausstellungen, Friedens Gottesdienste, großes Feuerwerk - und manch einer vermisst bei dieser alles absorbierenden Konzentration auf die friedliche Revolution und die Implosion der DDR-Diktatur zumindest den Hinweis auf andere einschneidende Ereignisse der jüngeren Geschichte; ist doch der 9. November ein "Schicksalstag" der Deutschen.

Der Reichstag in Berlin - die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Im Vordergrund ist das Holocaust-Mahnmal zu sehen.

(Foto: Foto: Reuters)

Dieses Datum war zwar 1989 durchaus der "glücklichste Tag" für das Volk - gleichzeitig musste es 1938 auch eine seiner dunkelsten Stunden erleben.

Vieles ist am 9. November kulminiert - und vieles hängt miteinander zusammen: 1918 rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann nach der Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg in Berlin die Republik aus. Damit erregte er den Zorn der Monarchisten und der Rechtsradikalen, die den Tag künftig zum Anlass nahmen, gegen das "System" von Weimar zu wettern.

Am 9. November brannten die Synagogen

So auch der Agitator und NSDAP-Chef Adolf Hitler, der am 8. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller die nationale Revolution ausrief und am nächsten Tag mit seinen Getreuen zum "Marsch auf Berlin" ansetzte - damals endete der Putsch nach ein paar Kilometern im Kugelhagel der Polizei.

Als Hitler schließlich an die Macht gelangt war, war die Feier des Jahrestags der "nationalen Erhebung" alle Jahre wieder ein großer Festtag der "Alten Kämpfer". Am Rande dieser Feier im Jahr 1938 fiel auch die Entscheidung zum Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung.

In dieser Nacht brannten in Deutschland zahllose Synagogen, mehr als 100 Menschen wurden von der SA und anderen Nazischlägern ermordet, etwa 30.000 in Konzentrationslager verschleppt und Tausende Wohn- und Geschäftshäuser zerstört. Diese vom NS-Regime gesteuerten Ausschreitungen waren ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zum organisierten Massenmord an den Juden im Dritten Reich.

Ein Jahr später - der Zweite Weltkrieg hatte mit dem Überfall auf Polen bereits begonnen - feierten die Nazis am 8. November wieder im Bürgerbräukeller ihre "Heldentat" von 1923. Wenige Minuten nachdem Hitler den Saal verlassen hatte, explodierte eine Bombe. Es war das Attentat des Schreiners Georg Elser, der den Sprengsatz ohne fremde Hilfe in einem Stützpfeiler installiert hatte. "Ich habe den Krieg verhindern wollen", sagte er, als er von der Gestapo verhaftet wurde. Elsers Tat vor 70 Jahren steht dem Attentat vom 20. Juli 1944 kaum nach. Er wurde im April 1945 im KZ Dachau ermordet.

Der Mauerfall 1989 war dagegen echter Zufall - das Ende der Nachkriegsgeschichte kann freilich ohne das Erinnern an die anderen 9.November nicht gefeiert werden.

© SZ vom 09.11.2009

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