9. November 1938:Bundespräsident Gauck gedenkt der Opfer der Pogromnacht

'Stolpersteine' in Berlin

Moderator Günther Jauch putzt in Berlin einen "Stolperstein". Neben ihm die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer (im roten Mantel).

(Foto: dpa)

75 Jahre nach der Reichspogromnacht haben Menschen in ganz Deutschland der Geschehnisse vom 9. November 1938 gedacht. Vertreter deutscher und europäischer Juden beklagen, dass Antisemitismus auch heute noch stark verbreitet sei. Bundespräsident Gauck warnte vor "Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unseren Tagen".

Bundespräsident Joachim Gauck hat 75 Jahre nach der antisemitischen Pogromnacht im nordbrandenburgischen Eberswalde (Barnim) der Opfer der Verfolgung gedacht. Das Denkmal aus Mauern und Bäumen soll an die alte Synagoge, die dort gestanden hatte, sowie an die jüdischen Opfer der Novemberpogrome 1938 erinnern. Gauck bezeichnete das neue Mahnmal als "beeindruckend". Er mahnte einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft an. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden: "Wir wollen ein Land sein, das offen ist." Der Bundespräsident wurde vom Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, begleitet.

Der hatte zuvor im NDR einen starken Antisemitismus in Deutschland und Europa beklagt. Juden erlebten Hass "in seiner gesamten Brutalität, wie wir sie eigentlich seit Jahrhunderten erleben". Deutlich stärker als Gewalt gegen Juden sei allerdings Antisemitismus durch Worte - was aber nicht "weniger gefährlich und weniger verletzend" sei. Diese Form von Judenfeindlichkeit finde "in der Mitte der Gesellschaft statt", beklagte Kramer. "Ich nenne ihn immer gerne den Salon-Antisemitismus, der ist mittlerweile wieder en vogue geworden."

Gedenken an Pogromnacht mit Bundespräsident Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt in Eberswalde der Opfer der Pogromnacht.

(Foto: dpa)

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, warb für einen "aufgeklärten Patriotismus". "Junge Menschen dürfen stolz auf unsere Heimat sein. Aber: mit einem Unterbau aus Erkenntnis", mahnte Knobloch in einem Gast-Kommentar in der Bild-Zeitung. Vielen erscheine der Holocaust weit entfernt von der eigenen Lebensrealität. Dies sei jedoch "ein Irrtum", so Knobloch. "Schuld und Schande sterben mit den Tätern. Verantwortung bleibt!"

"Gehirne vernebeln und Herzen verderben"

Bei einem Gedenkkonzert am Abend in Frankfurt sprach Gauck erneut über Antisemitismus: "Wir müssen verhindern, dass Neonazis ihr Unwesen in unseren Städten und Dörfern treiben können. Wir müssen verhindern, dass Hass und Rassenwahn von neuem die Gehirne vernebeln und die Herzen verderben. Und schließlich: Wir müssen uns selber hindern wegzuschauen, wann immer und wo immer dies geschieht."

Nicht nur in Eberswalde, sondern in ganz Deutschland gedachten Menschen der Geschehnisse vom 9. November 1938. In Berlin versammelten sich am Samstagvormittag zahlreiche Menschen - unter ihnen auch Prominente wie der Moderator Günther Jauch und der Sänger Max Raabe - um in einer symbolischen Aktion sogenannte Stolpersteine zu reinigen. Diese Gedenksteine sind in die Bürgersteige eingelassen und erinnern an Verfolgte des Nationalsozialismus. Geschäfte versahen ihre Schaufensterscheiben in Gedenken an die Zerstörung zahlreicher jüdischer Läden mit Folien, die den Anschein erweckten, die Scheiben seien eingeschlagen worden.

Bei der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 waren mehr als 1400 Synagogen, Tausende jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser in Deutschland und Österreich binnen weniger Stunden zerstört worden. 91 Menschen starben offiziellen Angaben zufolge. Wie viele tatsächlich durch die Übergriffe der Nationalsozialisten ums Leben kamen, ist nicht bekannt. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt.

© Süddeutsche.de/dpa/AFP/jst/ebri
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